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18. November 2017 | 13:32 Uhr

Was geschah mit der kleinen Anna?

vom

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2009 | 08:51 Uhr

Schwerin | Ein neuer Fall von Kindesmisshandlung in der Landeshauptstadt? Nachdem die zweijährige Anna mit schweren Kopfverletzungen und Blutergüssen in die Schweriner Helios-Kliniken eingeliefert wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt gegen die Mutter und deren Lebensgefährten.

Gegen die 20-jährige Anika W. und den 26-jährigen Stefan K., der nicht der Vater von Anna ist, besteht laut Oberstaatsanwalt Ralph-Siegfried Ketelboeter der "Anfangsverdacht der Misshandlung Schutzbefohlener und der Körperverletzung".

Die Art und Weise der Verletzungen habe nach Einschätzung der Mediziner auf Fremdverschulden hingedeutet, so dass die Ärzte die Ermittlungsbehörden eingeschaltet hätten, so Ketelboeter. Ein rechtsmedizinisches Gutachten soll noch in dieser Woche vorliegen. Die Mutter und ihr Lebensgefährte bestreiten laut Staatsanwaltschaft die Vorwürfe.

Die kleine Anna befindet sich seit dem 25. Januar in der medizinischen Obhut der Schweriner Helios-Kliniken. "Sie ist außer Lebensgefahr", so Helios-Sprecher Timo Mügge gestern auf Anfrage unserer Zeitung. "Das Mädchen ist in stabilem Zustand, der sich von Tag zu Tag verbessert."

Stadt: Keine Hinweise auf KindeswohlgefährdungDem städtischen Jugendamt sind Probleme in dem Haushalt im Schweriner Stadtteil Ostorf seit November vergangenen Jahres bekannt. "Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung lagen der Verwaltung aber zu keinem Zeitpunkt vor", so Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) gestern.

Zwar hätten sich Annas Vater und dessen Mutter gegenüber der Jugendbehörde besorgt über die "seelische Entwicklung" des Kindes geäußert. "Dies aber immer nur im Zusammenhang mit dem Streit der Eltern über das Umgangsrecht", so Jugendamtsleiter Hans-Ulrich Schmitt.

Trotz Unterstützung der Jugendbehörde hätten die Eltern sich auf keine Regelung einigen können, wann der Vater seine Tochter sehen kann, sagt Schmitt. Zwar habe die Stadt gewusst, dass es in dieser Frage zwischen dem Vater und dem neuen Lebensgefährten der Mutter zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen sei. "Hinweise auf körperliche Gewalt gegen das Kind lagen uns aber nicht vor", so der Jugendamtsleiter weiter.

Die Auseinandersetzungen zwischen dem Vater und Stefan K. sind auch Nachbarn nicht verborgen geblieben. Mehrere Streifenwagen hätten im November vergangenen Jahres vor dem Plattenbau gestanden. "Der Polizeieinsatz war nicht zu übersehen", so ein Anwohner. Wenige Tage später habe ein Möbelwagen vor der Tür gestanden und der leibliche Vater sei ausgezogen.

Mögliche Anzeichen von Gewalt gegen die kleine Anna haben Anwohner nicht beobachtet. Im Gegenteil: "Mutter und Vater gingen eigentlich immer sehr liebevoll mit dem Mädchen um." Nicht entgangen ist Augenzeugen jedoch, dass das Kind am 25. Januar von Notärzten abgeholt wurde: "Wir haben uns große Sorgen gemacht, schließlich stand der Rettungswagen fast eine Dreiviertelstunde vor der Haustür", so eine Mieterin.

Über die Einlieferung des Kindes ins Krankenhaus habe das Jugendamt erst am 27. Januar vom Vater erfahren, so Behördenleiter Hans-Ulrich Schmitt. "Noch am selben Tag hat sich die zuständige Sozialarbeiterin telefonisch mit dem Klinikum in Verbindung gesetzt." Wo das Kind künftig leben werde, hänge wesentlich von den Ergebnissen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und dem Ausgang des Sorgerechtsverfahrens vor dem Familiengericht ab, an dem das Jugendamt beteiligt sei, erklärt Schmitt.

Parallelen zum Fall der im November 2007 in der Landeshauptstadt verhungerten, damals fünfjährigen Lea-Sophie erkennt Schwerins Oberbürgermeisterin nicht. "Auf die Hinweise zu Anna hat das kommunale Jugendamt sofort fachgerecht reagiert und den Vorgang lückenlos dokumentiert", so Angelika Gramkow.

Erst vor knapp zwei Wochen hatte die Schweriner Verwaltungschefin die im Jugendamt vorgenommenen umfangreichen Veränderungen seit dem Tod von Lea-Sophie vorgestellt. Damals hatte es in der Behörde nur lose Zettelsammlungen statt nachvollziehbarer Akten zum Fall gegeben, wodurch Schwerin bundesweit in die Schlagzeilen geriet.

Informationsverluste, falsche Risikoeinschätzungen bei möglicher Kindeswohlgefährdung, strukturelle und individuelle Fehler sollen fortan durch ein Bündel von Veränderungen möglichst ausgeschlossen werden, so der mittlerweile für die Jugendbehörde zuständige Dezernent Dieter Niesen (SPD).

Die wichtigsten Maßnahmen: Der Sozialpädagogische Dienst wurde um zwei Stellen aufgestockt, drei weitere Mitarbeiter werden bis April eingestellt. Das Amt ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar. Mitarbeiter wurden qualifiziert, über Datenerfassung ist gesichert, dass alle Informationen zu einem Fall von allen Mitarbeitern ständig abrufbar sind.

Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung wird - anders als bei Lea-Sophie - jeder Fall nun sofort im Team besprochen. "Es folgt ein Hausbesuch, bei dem die Situation aller dort lebender minderjähriger Kinder eingeschätzt wird", so Niesen. Maximal zehn Tage später werde der Fall erneut beraten. Spätestens einen Monat nach dem Hinweis müsse ein weiterer Hausbesuch erfolgen.

Frühwarnsystem erst im Aufbau
Noch im Aufbau befindet sich ein Frühwarnsystem. Geplant ist ein Netzwerk etwa aus Kitas, Schulen, Stadt, Kinderärzten, Polizei, Trägern der Kinder- und Jugendarbeit und der Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung (Arge).

Durch Informationsaustausch soll auf Kindeswohlgefährdung früh reagiert werden können. Dass dieses System noch nicht wie gewünscht funktioniere, erklärt die Verwaltung auch mit datenschutzrechtlichen Bedenken einiger Institutionen. OB Gramkow: "Wir setzen hier auf neue Gesetze des Bundes. Für uns als Stadt gilt aber: Im Notfall steht Kinderschutz vor Datenschutz."

Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte gestern, ihr Haus beobachte den Fall Anna. Formal sei das Ministerium aber nicht zuständig. Man warte die Ermittlungen auch des Jugendamtes ab.

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