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24. November 2017 | 08:46 Uhr

"Was für ein schöner Sonntag"

vom

svz.de von
erstellt am 19.Mär.2012 | 09:37 Uhr

Berlin | Wohin mit Joachim Gauck? Wo ist der richtige Platz für den neuen Bundespräsidenten? Eilig wird ein Stuhl herbeigeschafft, ganz vorn zwischen die Reihen von Grünen und Union geschoben, mitten im Parlament. Die Stimmen sind ausgezählt, das Ergebnis ist klar. Gauck hatte die Wahl zunächst gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der neuen First Lady Daniela Schadt von der Besuchertribüne aus verfolgt, ist aber nun für den feierlichen Moment ins Plenum gekommen. Wahlmann Otto Rehhagel und Angela Merkel nutzen den kurzen Augenblick für einen Plausch mit dem künftigen Staatsoberhaupt.

Um 14.19 Uhr gibt Bundestagspräsident Norbert Lammert das Ergebnis bekannt. 991 Stimmen für Joachim Gauck, Zustimmung von gut 80 Prozent, eine übergroße Mehrheit der Bundesversammlung für den Konsenskandidaten von Union, FDP, SPD und Grünen.

Stehende Ovationen dann für den Neuen im Schloss Bellevue, der 72-jährige Pfarrer und Bürgerrechtler ist am Ziel, Präsident im zweiten Anlauf, Nachfolger des gescheiterten Christian Wulff, dem er noch 2010 erst im dritten Wahlgang unterlegen war. Die hohe Zahl Enthaltungen und die Stimmen für Beate Klarsfeld, die Kandidatin der Linken, kann er leicht verschmerzen.

Einen Moment lang bleibt Gauck sitzen, genießt den Erfolg und seinen minutenlangen Beifall, hält kurz inne. "Herr Bundestagspräsident, ich nehme die Wahl an", antwortet er mit fester Stimme auf die Frage von Norbert Lammert. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ist der schnellste und gratuliert als erster noch vor der Kanzlerin. Angela Merkel überreicht den ersten Blumenstrauß. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast umarmt den neuen Präsidenten, Glückwünsche über die Parteigrenzen hinweg.

"Was für ein schöner Sonntag", sagt er in seiner ersten kurzen Rede nach der Wahl und erinnert an den 18. März 1990, die erste freie Wahl zur letzten Volkskammer der DDR auch für ihn und Millionen Ostdeutscher.

Er werde ganz sicher nicht alle Erwartungen erfüllen können, warnt Gauck davor, ihn als eine Art Heilsbringer hochzujubeln. Doch er werde mit all seinen Kräften und seinem Herzen Ja sagen, zu der ihm übertragenen Verantwortung. "Ich nehme den Auftrag an", versichert er. Hoffnung habe er auf eine Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung, an der er mitwirken wolle, will er gegen Politikverdrossenheit wirken. "Was für ein schöner Sonntag, dieser 18. März auch für mich", sagt Gauck mit bewegter Stimme und die wärmenden Sonnenstrahlen scheinen durch die Glaskuppel des Reichstages und hellen das Grau im Hohen Haus ein wenig auf.

Die Wahl des Staatsoberhauptes an diesem Sonntag - eine Feierstunde der Demokratie. Über alle Fraktionsgrenzen hinweg werden alle Versuche der Wahlmänner der rechtsextremen NPD die Bundesversammlung womöglich für ihre Propaganda zu missbrauchen, gleich im Keim erstickt, alle Anträge auf Änderung der Geschäftsordnung zurückgewiesen. In einer kleinen Geschichtsstunde erinnert Bundestagspräsident Norbert Lammert an die historische Bedeutung des 18. März in der deutschen Geschichte von der ersten deutschen Revolution 1848 bis zum Ende der friedlichen Revolution und der ersten freien Wahl in der früheren DDR 1990. Kritische und selbstkritische Töne findet der Parlamentspräsident zum Umgang mit Gaucks Vorgänger Christian Wulff. "Es gibt durchaus Anlass für selbstkritische Betrachtungen, nicht nur an eine Adresse", so Lammert. "Manches war bitter, aber unvermeidlich. Manches war weder notwendig noch angemessen, sondern würdelos", tadelt der CDU-Mann. Die dritte Bundesversammlung in nur drei Jahren, zwei Präsidenten-Rücktritte in kurzer Zeit - für Lammert "weder eine Staatskrise noch eine Routineangelegenheit".

Im Plenum herrscht aber auch ein Hauch von Klassentreffen an diesem Tag. Großes Hallo hier, freundliches Schulterklopfen dort. Lange nicht gesehen! Und wie geht es so? Händeschütteln, Erinnerungsfotos fürs Familienalbum, Autogramme für die Lieben daheim. Wir mit der Kanzlerin, ich und der Minister. Gemurmel, Getuschel, Gedränge. Die Stimmung ist fröhlich und gelöst, weiß man doch, dass es keine Überraschung und keine Endloswahl geben wird. Der Sekt ist kaltgestellt, das Büffet wartet im dritten Stock.

Schwarz ist an diesem Frühlingssonntag die vorherrschende Wahl bei Anzügen und Kostümen, aufgehellt durch ein paar Farbtupfer Magenta, Rot oder auch Gelb und Grün. Alphabetisch werden die Namen der Wahlmänner und -frauen aufgerufen. Die verschwinden mit ihren blauen Wahlausweisen in die Kabinen in der Osthalle. Fünfzig Minuten dauert dann die Auszählung. Nach zweieinhalb Stunden ist das feierlich fröhliche Wahlprocedere der 15. Bundesversammlung vorbei. Joachim Gauck hat es geschafft.

"Apostel der Freiheit", "Der Leviten-Leser", "Bürger Gauck" - die Erwartungen an den 11. Bundespräsidenten sind hoch. Kann der die Scherben der Amtszeit Wulff wieder kitten? Wird er ein unbequemer Präsident für Angela Merkel und ihre Regierung? Die Kanzlerin hatte sich zunächst gegen ihn als Kandidaten ausgesprochen, blickt jetzt aber nach vorn. Nach einem "Prozess des Überlegens" habe sich die Union für Gauck entschieden, sagt Merkel. Der Präsident werde jetzt seine Amtsgeschäfte aufnehmen und am Freitag vereidigt. "Und dann wird er sein Amt gut für unser Land wahrnehmen", will die Kanzlerin nichts mehr von Differenzen wissen.

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