Warum überhaupt lernen? Es geht doch auch so, oder?

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02. Mai 2013, 11:14 Uhr

Albert Einsteins Zeugnis wimmelte nur so von Fünfen und Sechsen, Gerhart Hauptmann blieb gleich zweimal sitzen und Abraham Lincoln ging in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Jahr lang zur Schule: Warum also noch lernen, warum überhaupt Wissen anhäufen, wenn’s doch auch so geht? Mit diesem Argument werden ja gerne mal schlechte Schulnoten gerechtfertigt - aber leider hinkt es, das schöne Argument.

Ein genauerer Blick auf die Zeugnisse von Nobelpreisträgern, Wissenschaftlern, Staatsmännern, Künstlern und anderen, die in der Schule angeblich kläglich gescheitert sind, lohnt sich nämlich durchaus. In der Tat zieren reichlich Fünfen und Sechsen das Abiturzeugnis des späteren Nobelpreisträgers und Begründers der Relativitätstheorie Albert Einstein. Sogar in Physik, Algebra und Geometrie stehen da Sechsen, in Chemie gab es eine 5. Doch der erste Blick trügt, denn dieses Zeugnis ist kein deutsches Abiturzeugnis, sondern eine schweizer Matura, also das entsprechende eidgenössische Pendant zum deutschen Abitur. Das Benotungssystem unterscheidet sich vom deutschen in einem ganz entscheidenden Punkt: Nicht die 1 ist die beste Note, sondern die 6. Dementsprechend ist das Maturitätszeugnis, das die Kantonsschule in Aarau am 5. September 1896 auf Albert Einstein ausstellt, auch ganz im Gegenteil ein ganz ordentliches, eben gerade weil es dort von Fünfen und Sechsen nur so wimmelt.

Auch wenn der gute Einstein einiges an der Schule hasste, so begann er sein Studium an der Eidgenössischen Polytechnischen Schule in Zürich doch als guter Schüler mit großem Wissensdurst. Genau dieser Wissensdurst trieb auch Justus von Liebig Zeit seines Lebens an. Der später als "Begründer der Organischen Chemie" und "Vater der Agrikulturchemie" gefeierte und für seine Verdienste zum Freiherren geadelte Drogistensohn brach nicht nur die Schule ab, sondern auch seine Apothekerlehre. Genau das hatte ihm schon einer seiner Lehrer vorausgesagt mit den Worten: "Du bist ein Schafskopf. Bei dir reicht es nicht einmal zum Apothekenlehrling!" War der spätere Ehrenbürger der Stadt München also wirklich faul, gar ein schlechter Schüler und Auszubildender?

Der Vater nahm Justus von der Schule, da diesem gerade die humanistischen Fächer so gar nicht lagen. Schon als Kind verbrachte der spätere Erfinder des Silberspiegels seine Zeit lieber mit chemischen Experimenten, als mit dem Pauken von Lateinvokabeln. Diesen Experimenten fiel auch der Dachstuhl des Apothekerhauses zum Opfer, in dem Liebig seine Lehre absolvierte. Verständlich, dass das Arbeitsverhältnis daraufhin beendet wurde. Liebig mag sich mit dem Griechischen und Lateinischen schwergetan haben, der Chemie aber widmete er all seine Aufmerksamkeit und Energie. So wie ihm ist es vielen der später Erfolgreichen ergangen: Selbst wenn sie in einigen Fächern schwächelten, so waren sie doch in ihrem eigentlichen Spezialgebiet überaus begabt bzw. interessiert, der unstillbare Wissensdurst, die Neugier auf das Unbekannte motivierte und trieb sie in diesem Bereich zu Höchstleistungen an.

Carl von Ossietzky brachte es in seinem Abschlusszeugnis in Geometrie und Algebra lediglich auf ein "mangelhaft". Sein Mathematiklehrer sagte zu ihm: "Was soll aus dir noch werden, wenn du nicht einmal den pythagoreischen Lehrsatz begreifen kannst?" Ein Nobelpreisträger ist aus ihm geworden und ein erfolgreicher Chefredakteur der berühmten Zeitschrift "Die Weltbühne".

Paul Klee, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, fiel in der Schule negativ auf, weil er, anstatt sich auf den Schulstoff zu konzentrieren, in seinen Heften "Bildchen" malte.

Gerhart Hauptmann ist zweimal sitzen geblieben, seine Lehrer störten sich an seiner "Fabulierfreude". Diese "Fabulierfreude" ist es aber, die ihm später den Nobelpreis für Literatur einbringt.

Dem Erfinder und erfolgreichen Unternehmer Thomas Alva Edison, der als Erwachsener hunderte Patente hielt, gefiel es in der Schule überhaupt nicht: "Ich war immer der Letzte in der Klasse. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Lehrer mich nicht mochte und dass mein Vater meinte, ich sei dumm", sagt er später über seine Schulzeit. Dann kam es aber genau umgekehrt und sein Lehrer beschimpfte ihn vor der gesamten Klasse als "Hohlkopf". Das setzte dem sensiblen Jungen so sehr zu, dass er nach Hause lief und seiner Mutter unterbreitete, er ginge nie wieder zur Schule. So kam es dann auch. Von nun an unterrichtete ihn seine Mutter weiter und ließ ihn seinen Neigungen und Vorlieben im Unterricht nachgehen. "Meine Mutter hat mich zu dem gemacht, was ich bin", sagt er später. Eine allgemeine Schulpflicht gab es zu der Zeit nicht und so ließ sich auf diese Art auch noch das Schulgeld sparen.

Viele Menschen, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen, haben sich ihr Wissen und ihr Können autodidaktisch angeeignet. Mark Twain, Charlie Chaplin, Abraham Lincoln und auch Benjamin Franklin machten es so, schon allein aus dem Grund, weil ihre Eltern kein Geld für eine Schulausbildung hatten. Andere wiederum versuchten dem System mit Humor zu begegnen. Berthold Brecht etwa sagt über seine Schulzeit: "Die Volksschule langweilte mich vier Jahre lang. Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern."

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