Warum ausgerechnet Mononoke?

Wie soll es denn heißen? Je größer der Babybauch wird, desto öfter bekommen Schwangere diese Frage zu hören.
1 von 2
Wie soll es denn heißen? Je größer der Babybauch wird, desto öfter bekommen Schwangere diese Frage zu hören.

von
17. September 2012, 10:08 Uhr

Was hat Ikea, was Porsche nicht hat? Warum dürfen neue Erdenbürger hierzulande Legolas oder Pumuckl heißen, nicht aber Schnucki oder Joghurt? Weshalb beurkunden deutsche Standesbeamte Bluna, Pepsi-Carola oder Tarzan, während sie bei Waldmeister, Whisky oder Woodstock den Daumen senken?

Ein wenig verrückt sind manche Eltern hierzulande aber auch. Immer ausgefallener sollen die Vornamen ihrer Sprösslinge sein. "Gerade bildungsferne Leute denken sich teils kuriose Bezeichnungen aus", erzählt Gabriele Rodriguez. "Mancher möchte diese dann sogar wie ein Patent schützen lassen, damit nie ein zweites Kind so heißen darf", schüttelt die Chefin der Namenberatungsstelle an der Universität Leipzig den Kopf. Doch das gehe nun schon gar nicht.

Die Sprachwissenschaftlerin und ihr Forscherteam erreichen Jahr für Jahr gut 3000 Anfragen - früher häufig von Standesämtern, heute meist von (werdenden) Eltern selbst. Eine schwangere Frau aus Würzburg, beispielsweise, möchte ihre Tochter Midna nennen - frei nach einer japanischen Koboldfigur. "Darf ich das oder könnte das Standesamt dagegen sein?", fragt sie hoffnungsvoll am Telefon. Gabriele Rodriguez macht ihr zumindest Mut: Sie wolle versuchen, mit einem Kurzgutachten zu belegen, dass dies das deutsche Namensrecht nicht von vornherein ausschließt.

Ach ja, das deutsche Namensrecht! Während in fast allen Völkern jedes Wort, das die Sprache kennt, auch als Name dienen darf, bedarf es im Deutschsprachigen des hochamtlichen Abnickens. "Dabei sei der Kernbereich der Vornamenerteilung noch nicht einmal rechtsverbindlich geregelt", rügt die Expertin. Zumeist basierten Ablehnung oder Genehmigung durch Standesbeamte auf diversen Ausführungsverordnungen oder gar internen Dienstanweisungen. Und die seien dann von Land zu Land, selbst von Stadt zu Stadt sehr verschieden. Oft gebe man nur Elternwünschen statt, "wenn sich diese in der Bibel des Standesbeamten nachschlagen lassen", also dem Internationalen Handbuch der Vornamen.

Einig scheinen sich die Behörden nur in vier Punkten: Ein Vorname muss wie ein Vorname anmuten, nachweisbar schon vorhanden sein und klar das Geschlecht anzeigen. "Außerdem darf er ein Kind in Deutschland nicht zum Gespött machen", betont die Expertin.

Für die allermeisten Eltern sei das indes kein Problem. Denn deutlich im Trend lägen wieder deutsche Namen aus dem 19. Jahrhundert. Schon drei Jahre dominierten landauf, landab Marie, Sophie und Maria sowie Maximilian, Alexander und Paul die Hitlisten.

Was die Anzahl der Namen betrifft, so gebe es regional Abstufungen. Während im protestantischen Norden und Osten die Eltern meist nur einen Vornamen wählten, seien es im katholischen Westen und Süden häufig mehrere. Letzteres empfiehlt dann Gabriele Rodriguez ihren Nachfragern gern auch als Vehikel: Lässt sich der Rufname nicht klar einem Mädchen oder einem Jungen zuordnen oder provoziert er aufgrund seiner ausländischen Wurzeln Fragezeichen, rät sie zum unmissverständlichen Zweitnamen. So soll nun etwa die Tochter einer Berlinerin, die sich bei der Namenssuche offenbar auch in einem japanischen Comic bediente, zum gewünschten Mononoke noch ein Karlotta in die Geburtsurkunde bekommen.

Insgesamt wünscht sich die Fachfrau bei den Standesämtern jedoch schon mehr Mut und Toleranz gegenüber Neuem. "Ich denke, manchen Elternwunsch lehnen sie zu leichtfertig ab", sagt sie. Zumindest in besagte Geschlechtseindeutigkeit sieht sie nun aber Bewegung kommen. So wurden Luca oder Mika bereits weiblich wie männlich beurkundet. Auch Celin ohne "e" am Ende - eigentlich ein Jungenname - heißen nun auch erste Mädchen.

Viele Anrufe zwingen die Leipziger Namensforscher zunächst zu gründlichem Recherchieren. Namensbücher, Lexika und Enzyklopädien aus aller Welt füllen ihre Regale. Immerhin habe bereits jedes vierte Neugeborene in Deutschland einen Migrationshintergrund, weiß Gabriele Rodriguez. Hier zahlt sich aus, dass sie nicht nur einst Slawistik und Romanistik studierte, sondern auch, da dies im tatarischen Teil der Sowjetunion geschah, parallel noch in die Turksprachen eintauchte. Heute muss sie nun berufsbedingt aber auch in der arabisch-persischen Sprachwelt bewandert sein, bei wichtigen afrikanischen Sprachen durchblicken und chinesische Schriftzeichen selbst von der Lautfärbung her beurteilen können. Immerhin könnten Li, Mai oder Long bis zu zehn verschiedene Sachen bedeuten.

Nach persönlichen Tipps befragt, die sie Eltern empfehle, wenn diese etwas ebenso Ausgefallenes wie Zulässiges suchen, nennt sie für Mädchen etwa das finnische Suvi und für Jungen Donit (albanisch), Khaled (arabisch) und Simangaliso (südafrikanisch). Ihre eigenen, nun schon erwachsenen Kinder heißen übrigens Dennis und Diana.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen