Ebola : Warten auf den Ebola-Einsatz

Schicht für Schicht wird die Schutzhülle ausgezogen. Jeder Schritt wird dabei von einer desinfizierenden Chlordusche begleitet.
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Schicht für Schicht wird die Schutzhülle ausgezogen. Jeder Schritt wird dabei von einer desinfizierenden Chlordusche begleitet.

Michael Peilstöcker gehört zu den ersten freiwilligen Helfern aus Deutschland, die im Einsatz gegen die Ebola-Seuche nach Liberia fahren.

Nein, er hat keine Angst, sagt der Soldat, nur Respekt – Respekt vor dem Auftrag, der ihm und seinen Kollegen bevorsteht, Respekt vor dem Einsatz in Liberia, vor den Menschen, Patienten, Angehörigen und Freunden dort und Respekt vor dem Leid, das ihn erwartet. „Tod und Sterben gehört zu unserem Arbeitsumfeld“, sagt Michael Peilstöcker sehr sachlich. Konzentriert und distanziert berichtet er, wie es ist, unter einem Schutzanzug zu arbeiten, drei Paar Handschuhe übereinander, heiß und stickig und ohne etwas zu trinken, denn „was reinkommt, muss ja auch wieder raus“. Und kurz mal den Schutzanzug ausziehen? „Das geht nicht, das wäre lebensgefährlich.“

Peilstöcker lebt in einer seltsamen Zwischenzeit. Eigentlich ist der 42-Jährige für den Einsatz als Ebola-Helfer in Liberia vorbereitet. Doch wann der Marschbefehl kommt, weiß er nicht. So viel Zeit wie möglich will der Vater jetzt noch mit seiner Familie verbringen und Weihnachtsgeschenke für die Kinder kaufen, vorsichtshalber auch schon am Auto die Winterreifen aufziehen. Wer weiß schon, was in ein paar Wochen sein wird, wenn er zurück nach Hause kommt und wer kann überhaupt sagen, wann das sein wird?

Oberstabsfeldwebel ist Peilstöcker und Fachkrankenpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie. Seit 1995 arbeitet er für das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut und hat schon viele Auslandseinsätze mitgemacht. Mit tödlichen, nicht behandelbaren und hochinfektiösen Krankheiten beschäftigt er sich, mit Ebola, dem Lassa- oder dem Kongofieber zum Beispiel. Er ist noch nicht lange wieder da aus Mali, in Ghana hat er im Krankenhaus gearbeitet. Und wenn er davon berichtet, mischen sich sachliche Distanz und menschliches Erleben. Ein Lächeln spielt um seine Augen. Die Erinnerungen an seinen Patienten dort sind offenbar noch sehr lebendig.

Ganz anders als in Deutschland habe er die Menschen erlebt, geduldig, dankbar, sehr familienbezogen. „Es ist für sie selbstverständlich, vier bis fünf Stunden lang klaglos auf eine Untersuchung oder eine medizinische Behandlung zu warten“, berichtet Peilstöcker. Sehr angenehm sei die Arbeit mit den Patienten gewesen. „Ich habe deshalb keine Angst, dass wir in Liberia überrannt werden könnten, trotz der Furcht, die dort gerade herrscht.“

Doch wenn Kranke für ihre Angehörigen nicht sichtbar hinter Gitterzäunen in Kliniken untergebracht würden, werde es gefährlich. „Die Menschen verstehen das nicht, und sie machen sich Sorgen. Dann kann es schon sein, dass sie den Patienten entführen.“ Angesichts der herrschenden Ebola-Epidemie ein lebensgefährliches Szenario. So ist das neue „Ebola Treatment Center“, das das Rote Kreuz und die Bundeswehr jetzt in Monrovia einrichten, eines von vielen, die nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mit Blick auf die Bedürfnisse und die Eigenarten der Bevölkerung gestaltet sind. Es ist ein wichtiger Schritt, um Akzeptanz in der Bevölkerung zu finden.

Ein weiterer wichtiger Baustein dafür ist es, dass das Personal im Center zu 90 Prozent aus Einheimischen besteht. 300 Mitarbeiter kommen auf 100 Kranke. Der Soldat aus Deutschland gehört zum Team der ersten 30 Helfer, die in der neuen Einrichtung ihren Dienst antreten werden. Bis zu sechs Wochen wird er in Afrika sein, schätzt Peilstöcker, wird arbeiten, essen, schlafen, im Hotel noch vor dem Zubett-Gehen an seinem Internettagebuch für die Familie schreiben, „damit alle wissen, wie es mir geht“ – und dass alles gut ist, hoffentlich.

„Nach einer Stunde in so einem Anzug fühlst du dich wie aufgeweicht“, sagt Peilstöcker. Die Haut an den Händen schrumpelig, der Körper verschwitzt von der Anstrengung. „Du bist zwar relativ beweglich, hast aber kaum eine taktile Wahrnehmung.“ Kleinigkeiten, wie ein Pflaster aufzukleben oder einen venösen Zugang zu legen, werden zur Herausforderung. Und dann die psychische Belastung, Leid, Schmerzen, Tod – das ist der Alltag. Heilung ein seltenes Glück. Und die Sorge um das eigene Leben ist immer dabei. „Gefährlich wird es, wenn du dir den Schutzanzug ausziehst.“ So müde die Helfer nach ihrem Einsatz auch sind, dann ist ihre volle Aufmerksamkeit gefragt. Schicht für Schicht pellen sie sich aus der Schutzhülle. Jeder Schritt wird dabei von einer desinfizierenden Chlordusche begleitet. Besonders kritisch ist die Entfernung des Mundschutzes. Jeder, der in Monrovia dabei sein wird, hat diese Prozedur solange geübt, bis sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Möglicherweise infiziertes Material wird verbrannt. So hoffen die Helfer, sich selbst und anderen die Ansteckung mit dem tödlichen Ebola-Virus zu ersparen.

Doch es gibt keine Garantie, das Einsatzgebiet gesund zu verlassen. Michael Peilstöcker ist das klar. Dass er im Falle einer Erkrankung vielleicht nicht nach Deutschland zurückgeflogen werden wird, ist möglich. Und dennoch fährt er immer wieder in Krisengebiete. „Dafür bin ich ausgebildet“, sagt er. Und: „Tod und Sterben gehören zu unserem Arbeitsumfeld.“ Im Ernstfall gilt das eben auch für ihn selbst. Und nun ist er also in dieser Zwischenzeit in seiner norddeutschen Heimat und wartet auf das, was kommen wird. „Anfang November soll es losgehen. Ich glaube aber nicht so richtig daran.“ Da sind die Weihnachtsgeschenke für die Kinder. „Es kann sein, dass ich zum Fest nicht da bin.“ Da ist seine Familie, die Fragen nach dem Warum, die Ängste – die „vorher immer stärker sind als direkt im Einsatzgebiet“. Da sind die Presseleute, deren Anfragen Michael Peilstöcker noch kurz vor seinem Einsatz ausführlich und konzentriert beantwortet.

„Wir. Dienen. Deutschland“, steht auf einem großflächigen Plakaten im Hintergrund. Tatsächlich – hier ist jemand, der dient, nicht nur Deutschland, sondern seinen eigenen persönlichen Werten und den Menschen, die Hilfe brauchen, egal wo auf der Welt.



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