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22. November 2017 | 08:38 Uhr

Wacken-Achim und die 40 Camper

vom

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2012 | 06:08 Uhr

Achim ist 43 Jahre alt und gehört seit 16 Jahren mit seinem Camp zu den Urgesteinen des W:O:A. Kein Anderer scheint solch eine Attraktion für die Besucher zu sein.

Achim Lutzke nimmt schnell noch einen Schluck von seinem Frühstückbier und schwingt sich vom Barhocker. Ein richtiges Grundstück nennt er auf dem Wacken-Open-Air-Gelände sein eigen, sorgsam eingefasst mit einem hellen Holzzaun, durch den zwei Eingänge mit Saloon-Schwingtüren in sein Reich führen. Die langen Orient-Läufer darin weisen nach zwei Tagen schon eine leichte Schlamm-Patina auf.
"Achim’s Wacken-Crew und Freunde" steht prominent auf ein Surfbrett gepinselt, das an einen blauen Bauwagen gezimmert wurde. Hier residiert der Wacken-Veteran mit seinen Freunden aus Rendsburg: 40 Camper haben mit etwa 20 Zelten, einer Bar, einer Couch-Landschaft und dem aufgemotzen Bauwagen Klein-Rendsburg in Planen, Leder und Metall gegossen. Ein charmantes durcheinander aus Chaos und Kunst, Kitsch und Kultur.
Der Stammplatz ist ihm sicher

Das Camp hat Tradition: 1997 wohnte Lutzke - noch ganz bescheiden im Zweimannzelt - zum ersten Mal auf dem W:O:A, mittlerweile hat sich der Freundeskreis aus Rendsburg ausgeweitet und das Recht auf ein eigenes Grundstück erarbeitet. "Wir sind fest auf dem Plan eingezeichnet", sagt Lutzke.

Der 43-Jährige blickt in Richtung Himmel: Nach einem stärkeren Regenguss am Morgen ist Wacken wieder sonnig und warm. Zeit also, seinen Grill wieder richtig in Szene zu setzen. Er holt eine Plastiktopfpflanze aus seinem weinroten Polo und stellt ihn auf den Tisch mit gelber Tischdecke neben der geöffneten Motorhaube. "So, muss ja seine Ordnung haben", sagt er. Im ausgeweideten Motorraum hat der Wacken-Fan mit aufrecht gestellten Betonplatten und Rundrost einen Holzkohlegrill eingerichtet. Im Auto: Statt Sitze ein Meer aus Kronkorken und Zigarettenschachteln. Auf dem Auto steht eine Gänsemutter aus Plastik mit zwei Küken. Lutzke öffnet die Heckklappe, um den neugierigen Wacken-Spaziergängern den Einblick auf die Sammlung zu bieten.
So ein Wohnzimmer sieht man selten

Der Camper hat unter den Festival-Gängern schon eine Art Promistatus erlangt. Immer wieder posieren Metalfans vor dem Grundstück und lassen sich fotografieren: Grinsend vor dem Autogrill, mit heruntergelassener Hose auf einer Holzkiste mit Klobrille oder vor dem "Grab": Mit roten Backsteinen hat die Rendsburger Crew ein Karree aus Ostseesteinen eingefasst, aus denen eine Skeletthand lugt. "Das Grab ist Alf gewidmet", sagt Lutzke ein wenig nachdenklich. "Der ist im Biersuff gestorben."

Makaberes und Kitsch gehen auf dem Grundstück einen interessanten Dialog ein: Charly, das Skelett, schmückt den blauen Bauwagen ebenso wie ein griechisches Standbild aus Plastik, das Grab fügt sich zwischen einer "Hau-den-Lukas"-Station und der Saloontür ein. Lutzke widmet der Einrichtung besonders viel Aufmerksamkeit.
Das Highlight des Jahres ist Wacken

Das Rendsburger Kult-Grundstück ist für viele eine beliebte Partyadresse auf dem Festivalgelände. "Mal sehen, ob ich es überhaupt noch zu einem Konzert schaffe", sagt er. Doch für den Dauercamper ist die Musik ohnehin nicht der Grund für den Festivalbesuch. "Ich mag eher Trance und Goa", ruft er gegen die harten Bässe aus seinem gigantischen Lautsprecherturm an. Dennoch zieht es ihn immer wieder zum Festival: "Wir sind jedes Jahr in Wacken und auf dem Wilwarin-Festival." Im Rest des Jahres verschwinden die Ledersofas wieder in einem Rensburger Keller, der Bauwagen und der Autogrill parken wieder auf Lutzkes altem Resthof in Friedrichshof am Bistensee und das Kultcamp macht einen kleinen Dornröschenschlaf - bis es im nächsten Jahr, zeitgleich mit Wacken, wieder wachgeküsst wird.


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