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Fotojournalist Sam Shaw : Vom Monroe-Effekt beflügelt

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Fotojournalist Sam Shaw (1912–1999) hat die größten Filmstars seiner Zeit in Szene gesetzt, wie das Filmmuseum Potsdam zeigt

svz.de von
erstellt am 24.Mär.2017 | 12:00 Uhr

Berühmt ist Sam Shaw mit einem Foto geworden, das nicht typisch ist für seinen Arbeitsstil. Marilyn Monroe 1954 in New York, im weißen Kleid, das vom Luftzug aus dem U-Bahn-Schacht unter ihr hochgewirbelt wird. Die berühmte Szene aus Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ schrieb Filmgeschichte. Doch während der Fotoreporter und Filmfotograf Sam Shaw (1912–1999) sonst grundsätzlich kein Foto gestellt hat, war dieses komplett inszeniert.

Für die Werbekampagne zur Komödie von Billy Wilder besann Shaw sich auf einen Schnappschuss aus dem Vergnügungspark Coney Island. Es ist der seltene Fall, dass ein Fotograf mit seiner Idee das Drehbuch beeinflusste. Im Übrigen wartete Sam Shaw stets auf den ungekünstelten Moment; auf den Augenblick, in dem die Porträtierten sich unbeobachtet wähnten. „Ich fotografiere vielleicht eine Weile vor mich hin, bis die porträtierte Person ‚loslässt‘ und eine weniger künstliche Körperhaltung einnimmt.“

Gezielt suchte Sam Shaw die Nähe zu Porträtierten, arbeitete auf eine gelöste Stimmung hin. Eine Sensibilität, die in Hunderten persönlichen Aufnahmen großer Schauspieler und zeitgeschichtlichen Ereignissen Niederschlag fand.

Das Filmmuseum Potsdam zeigt rund 200 Aufnahmen, die die Breite des Schaffens reflektieren: Als Filmfotograf am Set, als Porträtist, als Fotojournalist mit politischem Bewusstsein und Reisender mit Kamera. Geboren und aufgewachsen in Manhattan, begann Sam Shaw mit der Malerei und kam über die Tätigkeit als Art-Director eines Magazins zur Fotografie.

Für die Zeitschrift „Collier’s“ reist Shaw Anfang der 40er-Jahre durch die USA, um mit dem Autor Harry Henderson für die Serie „How America Lives“ („Wie Amerika lebt“) aufwendige Reportagen zu machen. Er hält den Alltag von Minenarbeitern im Bild fest, besucht Farmpächter im Mittleren Westen und fotografiert Farbige in den Vororten der Städte in den Südstaaten. Dabei fotografiert Shaw fast nur in Schwarz-Weiß, weil die Aufnahmen „eine tiefere emotionale Wirkung“ hätten und zu viel Technik zum Hindernis werden könne.

Anfang der 50er-Jahre beginnt Shaw, bei Dreharbeiten als Standfotograf zu arbeiten. Bei einem Auftrag lernt er 1952 Marilyn Monroe kennen, die am Anfang ihrer Filmkarriere steht und beginnt, sich für Hauptrollen zu empfehlen. Bei den Dreharbeiten zu „Viva Zapata!“ wird sie aber abgelehnt und erhält nur einen Job als Fahrerin für Sam Shaw, der keinen Führerschein hat. Es entsteht eine lebenslange Freundschaft. Shaw darf Marilyn ungeschminkt fotografieren, sie in persönlichen Momenten zeigen – im Park, am Strand, vor einer Fassade sitzend.

Die wirkliche Marilyn sei schön gewesen, sagt Sam Shaw, nicht der Star. Der „Monroe-Effekt“ beflügelt seine Karriere. Die Porträts zieren oft die Titelseiten der auflagenstarken Magazine „Life“ und „Look“, ergänzt durch lange Bildstrecken. Fast alle Hollywood-Stars seiner Zeit lassen sich von ihm ablichten: Lauren Bacall, Burt Lancaster, Audrey Hepburn, Sophia Loren, Woody Allen und Anthony Quinn. Der junge Marlon Brando, mit unbekleidetem Oberkörper und nachdenklicher Miene – obwohl Brando es sonst ablehnte, sich so zu zeigen. Eine Episode, die zeigt, wie schnell Sam Shaw das Eis zum Tauen bringen konnte.

In gesellschaftlich engagierten Reportagen zeigt Shaw „die andere Seite“. Der allgegenwärtigen Bilderflut aus dem Zweiten Weltkrieg in Europa setzt er Fotos daheimgebliebener Familien von US-Soldaten entgegen; die Berichterstattung über Wahlkämpfe in den USA kontert er mit Bildern von Rassenunruhen und der Bürgerrechtsbewegung. Seine Reportagen erzählen Geschichten; sind durchgeplant wie das Storyboard eines Spielfilms. Das Einzelfoto mag ungestellt sein, spontan und überraschend, aber es erfüllt eine Funktion. Shaw wusste genau, was er zeigen wollte. Bis zum kompletten Spielfilm ist es da gedanklich nur noch ein Schritt.

In den 60er-Jahren beginnt Shaw, Filme zu produzieren. Im Regisseur John Cassavetes (1929–1989) findet er einen Bruder im Geiste. Beide streben nach größter künstlerischer Freiheit, wollen unbedingte Kontrolle über den gesamten Schaffensprozess von der Idee bis zum fertigen Film. Cassavetes gilt als Vater des amerikanischen Independent-Kinos. Mit Shaw entstehen Filme wie „Eine Frau unter Einfluss“ und „Die erste Vorstellung“. Stars und Zeitgeschehen vor der Kamera, absolute Kontrolle jeder Situation, vielleicht brachte Shaw es vor allem mit Menschenliebe dahin.

 

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