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23. November 2017 | 04:56 Uhr

Vom Lokführer zum Schauspieler

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erstellt am 18.Apr.2013 | 08:08 Uhr

Schwerin | Wolfgang Winkler hat nie nachgezählt: Nicht, wie viele Rollen er im Kino oder Fernsehen gespielt hat, nicht, wie oft er auf der Theaterbühne stand. Heute, sagt er, würde er sich manchmal wünschen, eine ordentliche Liste geführt zu haben über seine Rollen, die großen und die kleinen, die ernsten und die lustigen. "Es gibt im Kollegenkreis ja Leute, die zählen ganz genau nach, die haben so eine Art Beamtenhaltung", sagt er und schmunzelt. "Ich kann nur schätzen und das ist nicht sehr genau."

Es seien auf jeden Fall mehr als 100, vielleicht 200 Filme, schätzt Winkler, und vielleicht sind es noch mehr: Allein 50 mal war der gebürtige Görlitzer als Hauptkommissar Schneider im "Polizeiruf 110" auf Verbrecherjagd, in 40 Folgen der "Kurklinik Rosenau" bezirzte er als Imbiss-Besitzer Siggi, hinzu kommen etliche Fernseh- und Kino-Produktionen. "Ja, da kommt schon eine ganze Menge zusammen", sagt Winkler, gelernter Lokführer und seit rund 50 Jahren Schauspieler. Während der Lehre sei der Berufswunsch Schauspieler entstanden, eine lange Geschichte sei das, sagt der 70-Jährige und erzählt sie dann doch, zumindest einen Teil. "Das hatte mit einer Klassenkameradin zu tun, die in einem Bericht in der Zeitung auftauchte und gerade ihr Schauspielstudium abgeschlossen hatte. Da habe ich mir überlegt, dass ich das auch will." 1962 ging er an die Filmhochschule und lernte das Handwerk von der Pike auf. Die richtige Entscheidung? "Ich glaube, es steht nicht zur Debatte, ob ich es als Lokführer einfacher gehabt hätte. Der Schauspielberuf ist ein wahnsinnig schöner."

Einer, den Winkler seit fünf Jahrzehnten vor der Kamera und auf der Bühne ausübt. "Ich wurde als Theaterschauspieler ausgebildet. Und doch macht das Drehen nicht nur des Geldes wegen mehr Spaß, sondern auch, weil es die Möglichkeit gibt, mit den Geschichten richtig umzugehen, im naturalistischen Sinne. Trotzdem möchte ich immer beides gleichzeitig haben, das macht den Reiz aus."

Eine Rolle, die ihn in all den Jahren besonders bewegt habe, da müsse er überlegen, nein, die gebe es eigentlich nicht, am ehesten die des Stabsfeldwebels Waskow im Stück "Im Morgengrauen ist es noch still". "Das war eine große Figur, die zu spielen eine ungeheure Emotion verlangt hat." Sein Lieblingsfilm indes ist klar: "Das Pferdemädchen" (1979), Wolfgang Winkler als Vater. "Es ist die Einfachheit der Geschichte, die mich begeistert. Das Verhältnis von Mensch und Tier, von Menschen untereinander, wird in schlichter Form gezeigt." Hinzu komme, dass der Film auch für ihn als Schauspieler eine besondere Bedeutung habe. "Es war nach langer Zeit am Theater der erste große Film. Allerdings habe ich zu diesem Zeitpunkt auch noch drei andere Filme gedreht."

14 Nächte habe er im Taxi geschlafen, pendelnd zwischen den Dreharbeiten für das "Pferdemädchen" in Lohmen bei Güstrow und Dreharbeiten im Edelstahlwerk Freital. Winkler freut sich, dass dieser Film zum Warmup unserer Zeitung gezeigt wurde - wenn auch bei ihm ein bisschen Trauer mitschwinge. "Im Februar ist Egon Schlegel, der Regisseur, verstorben. Er wäre mit Sicherheit gerne dabei gewesen." Auch Märtke Wellm, die seine Filmtochter spielte, hätte er gerne da gehabt. "Ich hätte sie gerne einmal wiedergesehen. Wir haben uns bemüht, sie zu finden, aber es ist uns nicht gelungen." Das Warmup sei etwas Besonderes, weil es die Möglichkeit biete, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen. "Als Film- und Fernsehschauspieler bekommt man nie eine unmittelbare Reaktion auf das, was man spielt. Deshalb ist so etwas wichtig."

In letzter Zeit, sagt Winkler, habe er diesen Kontakt in verstärktem Maße - seit er mit Jaecki Schwarz, seinem Partner aus dem "Polizeiruf 110", auf Lesereise sei. "Herbert & Herbert - Mit Dir möchte ich nicht verheiratet sein!" sei ein kleines Buch, "nicht hochphilosophisch, aber kurzweilig", mit Geschichten von den Dreharbeiten, über die Beziehung der Serien-Charaktere Herbert Schmücke und Herbert Schneider und die besondere Beziehung von Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler.

"Wir haben als Kollegen angefangen und über die lange Zeit, durch Schicksalsschläge, die jeder hatte und in denen wir zusammengestanden haben, ist daraus eine Art Freundschaft entstanden, die über Kollegialität hinausgeht." Eine Freundschaft, in der Schwarz Patenonkel dreier Enkelkinder von Winkler ist. In der sie gemeinsam ein Buch über die dunkelsten Kapitel ihres Lebens geschrieben haben: Die Alkoholkrankheit von Jaecki Schwarz. Und die, wie er selbst sagt, "Ko-Abhängigkeit" von Wolfgang Winkler bei der Alkoholkrankheit seiner ersten Frau.

Der Abschied vom Polizeiruf-"Traumpaar" ist schmerzhaft - vor allem für die Zuschauer. Nach 17 Jahren wurden Schmücke und Schneider Anfang März in den Ruhestand geschickt. "Überall wo man ist, trauen sich die Menschen, einen anzusprechen und das Ende zu bedauern. Viele beteuern, die Nachfolger nicht schauen zu wollen, aber das ist ja auch nicht der richtige Weg, denn die Kollegen, die jetzt spielen, sind tolle Kollegen." Er selbst könne indes nicht sagen, dass es ein großer Schmerz sei. "Es war ja ein langsames Sterben. Es wurde schon lange überlegt, dass wir in Rente gehen. Die 50. Folge war eine Möglichkeit, aufzuhören, auch wenn wir gerne noch ein oder zwei Jahre weitergemacht hätten. Ich wollte mich auch nie nur auf diese Rolle reduzieren lassen, habe immer auch anderes gedreht."

Und doch: Das Aus des Polizeirufs gibt Wolfgang Winkler Zeit für Anderes, für Neues. Noch in diesem Jahr sollen die Dreharbeiten zu seinem neuen Film, "Buddha bei die Fische", beginnen. Im Frühjahr kommenden Jahres will er wieder Theater spielen, "Warten auf Godot" in Halle, gemeinsam mit Jaecki Schwarz, natürlich. Es wird Wolfgang Winkler nicht langweilig werden in seinem Ruhestand als Kommissar.

Lesung "Herbert & Herbert",

2. Mai, 19 Uhr, Capitol

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