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24. November 2017 | 01:13 Uhr

Viele Bühnen, ein Drama

vom

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erstellt am 10.Nov.2011 | 08:16 Uhr

Schwerin | Von Aufatmen keine Spur: Nachdem das Schweriner Staatstheater das Hilfsangebot des Landes und die damit verbundenen Bedingungen akzeptiert hat, kommt wieder Schwung in die Theaterpolitik-Debatte in MV. Nicht er werde ein neues Theaterkonzept vorlegen, sondern es werde sich "im Diskussionsprozess mit den Theaterträgern" ergeben, betonte Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) gestern auf Nachfrage unserer Zeitung. Nachdem der Aufsichtsrat des Staatstheaters, der Alleingesellschafter Landeshauptstadt und die Leitung der Bühne in der Nacht zuvor (wir berichteten) die Annahme der Landesbedingungen verkündet hatte, meldete sich gestern auch die Opposition zu Wort.

Es sei inakzeptabel, dass eine Soforthilfe vom Land nur dann gewährt werde, wenn das künstlerische Profil "eingedampft" und beim Personal gekürzt werde, sagte der kulturpolitische Sprecher der Linken, Torsten Koplin. In die gleiche Richtung zielte die Kritik der Landtags-Neulinge von Bündnis 90/Die Grünen. "Dem Theater wird die Pistole auf die Brust gesetzt", kritisiert Jürgen Suhr, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag. Die Landesregierung müsse sich vorwerfen lassen, "den Ruf der Theater und Orchester im ganzen Land erheblich zu gefährden".

Denn das Land hatte Gegenleistungen gefordert: Das Theater sollte eine 500 000-Euro-Soforthilfe bekommen, um die vor der Tür stehende Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, dazu die Erlaubnis, eine weitere halbe Million als Kredit aufzunehmen - im Gegenzug verpflichtet sich die Bühne, Haustarif-Verhandlungen für die 320 Mitarbeiter zu beginnen, ebenso Verhandlungen mit den Landkreisen über eine Beteiligung am Theater. Und auch die in Schwerin wie in Rostock verhasste Idee einer Fusion zwischen Staats- und Volkstheater muss wieder auf die Tagesordnung.

Da die Förderung des Landes für alle Theater von 35,8 Millionen Euro pro Jahr nicht steigen soll, könnte sich ab 2013 der Sparzwang sogar noch verschärfen. Die weitere Förderung von Theatern und Orchestern solle dann an Strukturentscheidungen geknüpft werden, sagte Brodkorb: "Als Land sind wir der Auffassung, dass diese Entscheidungen Aufgabe der Träger sind. Aber natürlich muss das Land handeln, wenn die Theaterträger der Aufgabe nicht nachkommen." Klingt das nicht sehr nach dem ursprünglichen Theaterkonzept von Amtsvorgänger Henry Tesch (CDU) mit seinen beiden "Kulturkooperationsräumen" mit je einem Orchester und einem Intendanten? Man müsse auch über "solche Verbundlösungen" nachdenken, so Brodkorb. Eine "völlige Richtungsänderung in der Theaterpolitik zu erwarten", sei falsch.

Das noch einmal knapp an der Pleite vorbeigeschrammte Staatstheater hat nun harte Verhandlungen vor sich. Die Landräte von Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim zeigten sich zwar aufgeschlossen - aber die Musikergewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung (DOV) blockte gestern erst mal ab: Weniger Stellen und gleichzeitig weniger Geld schlössen sich gegenseitig aus, betonte DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens.

Der Aufsichtsrat hatte am Mittwochabend beschlossen, dass Generalintendant Joachim Kümmritz auch Kündigungen bei der Staatskapelle zu prüfen hat. "Wenn man sparen muss, muss man da ansetzen, wo gut verdient wird", hatte Schwerins OB Angelika Gramkow (Linke) argumentiert.

Die Landeshauptstadt ist nicht die einzige Theater-Baustelle. In Anklam wartet Landesbühnen-Chef Wolfgang Bordel seit elf Monaten auf die ministerielle Genehmigung seiner Holding-Konstruktion mit dem Theater Vorpommern. So lange die Fusion nicht abgenickt ist, droht auch der Landesbühne die Insolvenz, denn nach dem geltenden Theaterförderungskonzept aus der Ära von Kultusminister Tesch waren kleine Bühnen zum Zusammengehen mit großen Häusern gezwungen, wenn sie weiter volle Förderung erhalten wollten. Auch der Geschäftsführer des Theaters Vorpommern, Rainer Steffens, forderte die Anerkennung der mit Anklam gegründeten Holding. Das Theater Vorpommern habe mit den künstlerischen Mitarbeitern seit mehr als zehn Jahren Haustarifverträge abgeschlossen. . Immerhin: Ein Gespräch zwischen Bordel und Neu-Minister Brodkorb ist vereinbart. "Wir brauchen auch dringend Hilfe", so Bordel gestern. Rund 250 000 Euro braucht die Landesbühne. Grundsätzlich sei man aber optimistisch, dass eine Einigung möglich sei.

Auch im Etat des Volkstheaters Rostock für das Jahr 2012 klafft ein 1,4-Millionen-Euro-Loch, den Tariferhöhungen und die Kosten für Ausweich-Spielstätten gerissen haben. Ein Haustarifvertrag soll nach dem Willen des Volkstheater-Aufsichtsrates eine Ersparnis von einer Million Euro einbringen. Laut Geschäftsführer Stefan Rosinski würde das für die rund 300 Mitarbeiter Lohneinbußen bedeuten. Dafür sollen ihre Arbeitsplätze bis 2016 gesichert werden. Rosinski nannte als Vergleichsmaßstab das Greifswalder Theater, wo die Beschäftigten auf acht Prozent Gehalt verzichten mussten. Gewerkschaften sowie Bürgerschaft müssen diesem Plan noch zustimmen. Die Idee einer Fusion mit dem Schweriner Theater nannte Rosinski absurd. Es sei kaum möglich, sich ein Orchester zu teilen.

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