Vertauschte Kinder : Verwechslung im Brutkasten

holzer-birgit

Zwei junge Frauen, die im Säuglingsalter in der Klinik vertauscht wurden, fordern heute vor Gericht zwölf Millionen Euro Schadenersatz

svz.de von
05. Dezember 2014, 07:32 Uhr

Ein Zweifel regte sich bei Sophie Serrano sofort, als sie im Juli 1994 ihre vier Tage alte Tochter wieder in die Arme gelegt bekam. Der Säugling hatte Gelbsucht und eine Nacht im Brutkasten verbracht. Danach waren die Haare länger als vorher. Das liege an den Wärmestrahlen, beruhigten sie die Krankenschwestern in der Geburtsklinik in Cannes. „Sie waren Profis, ich war 18 Jahre alt und hatte keinen Grund, ihnen nicht zu glauben“, erklärt Serrano. Doch zehn Jahre später erfuhr sie, dass sie mit der instinktiven Reaktion einer jungen Mutter richtig lag. Eine nachlässige Krankenpflegerin hatte zwei Babys im Brutkasten vertauscht.

Zwar sei ein Rücktausch undenkbar, sagen die beiden betroffenen Familien heute. Aber sie fordern von der Klinik Schadenersatz in Höhe von insgesamt mehr als zwölf Millionen Euro. Nachdem ein Strafverfahren erfolglos war, begann nun im südfranzösischen Grasse der Zivilprozess um den Aufsehen erregenden Fall. Allerdings sprechen nur Sophie Serrano und ihre inzwischen 20-jährige Tochter Manon mit den Medien, während Manons leibliche Eltern sowie Serranos leibliche Tochter Mathilde anonym bleiben wollen.

Die Klinik, die inzwischen geschlossen ist, hat den Fehler zugegeben, verweigert aber zu zahlen. Verantwortlich sei eine Angestellte, die den Säuglingen nicht wie vorgeschrieben Armbänder zur Identifizierung umgebunden habe, erklärt die Anwältin der Klinik, Sophie Chas. „Die Frau litt an Depressionen und chronischer Alkoholsucht.“

Die unglaubliche Verwechslung kam vor zehn Jahren auf, als Sophie Serranos Partner, der bereits von ihr getrennt lebte, seine Vaterschaft in Zweifel zog. Denn mit ihren kringeligen Haaren und der mattbraunen Haut ähnelte ihm Manon keineswegs und sein Misstrauen wurde geschürt durch das Gespött der Leute, sie sei „das Kind des Postboten“. Der von ihm geforderte DNA-Test ergab, dass er in der Tat nicht Manons Vater war – aber Sophie Serrano auch nicht ihre leibliche Mutter. Eine Schock-Diagnose, erinnert sich diese: „Ich hatte Angst, dass man mir meine Tochter wegnimmt und Angst um das Baby, das ich zur Welt gebracht hatte.“ Das wurde ausfindig gemacht: Mathilde lebte nur 30 Kilometer entfernt bei einer Familie, die aus dem französischen Übersee-Departement La Réunion stammt.

Ihre Mutter hatte sich im Krankenhaus gewundert, dass ihr Baby deutlich weniger Haare hatte, nachdem es – ebenfalls wegen Gelbsucht – wieder aus dem Brutkasten kam. Das liege an den Wärmestrahlen, hatten ihr die Krankenschwestern versichert.

Beide Familien organisierten eine erste Begegnung – für sie als Teenager in der Pubertät ein äußerst verstörender Moment, sagt Manon: „Ich saß einer Frau gegenüber, die biologisch meine Mutter ist, aber eine Unbekannte.“ Nach einigen Treffen brach der Kontakt wieder ab. Zu schmerzvoll sei der Umgang, zu groß die „unbewusste Rivalität“, so Serrano, die nach Manon noch zwei weitere Kinder zur Welt gebracht hat. „Aber im Herzen trage ich vier Kinder.“ Sie sehne sich nach der Anerkennung als Opfer, um von Schuldgefühlen befreit zu werden. Um ein Zeichen zu setzen, wolle man hohe Summen, erklärt ihr Anwalt Gilbert Collard, der auch als Politiker der extremen Rechten bekannt ist: Gefordert werden sechs Millionen Euro für die beiden jungen Frauen, 1,5 Millionen für jedes Elternteil, 750 000 Euro für jedes der Geschwister sowie 100 000 Euro Schadenersatz. Das Urteil wird am 10. Februar erwartet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen