Unliebsamer Stoiber-Nachlass

Die Transrapid-Strecke in München sollte das Aushängeschild für Ingenieurkunst „Made in Germany“ werden. Die CSU gibt der Industrie die Schuld an dem Scheitern. Die Kostenvoranschläge seien zum Teil unrealistisch gewesen, kritisiert Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein im Interview mit unserem Berliner Korrespondenten Martin Rücker.

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27. März 2008, 10:11 Uhr

Wer trägt die Schuld für das Aus für die Transrapid-Strecke?
Beckstein: Das Transrapid-Konsortium muss sich schon einige Fragen gefallen lassen. Es hat im September ein Festpreisangebot über 1,85 Milliarden Euro zugesagt. Dass die Kosten innerhalb von sechs Monaten auf 3,4 Milliarden Euro gestiegen sein sollen, liegt völlig jenseits jeder Vorstellungen. So ist das Projekt nicht mehr zu finanzieren.

Die Kalkulation über 1,85 Milliarden Euro stammt von 2004. War es nicht blauäugig anzunehmen, dass die Baukosten auf diesem Niveau bleiben?
Beckstein: Wenn die Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Thyssen Krupp, Hochtief und Bögl sich mit ihrer Unterschrift dazu verpflichten, ein Angebot über 1,85 Milliarden Euro vorzulegen, sollte man sich darauf verlassen können. Mir ist völlig unverständlich, dass innerhalb von sechs Monaten die Kostenerwartung so gestiegen ist. Die Explosion ist – so wird gesagt – nicht bei der Systemtechnik, sondern beim herkömmlichen Baubereich erfolgt, wo statt 600 Millionen zwei Milliarden Euro angesetzt wurden.

Der Transrapid galt als Prestigeprojekt Ihres Vorgängers Edmund Stoiber – ein unliebsamer Nachlass?
Beckstein: Auch Edmund Stoiber ist klar, dass eine Verwirklichung des Projekts bei diesen Kosten nicht in Frage kommt. Nicht er ist dafür verantwortlich, sondern diejenigen, die ihre Zusage nicht einhalten. Der Freistaat Bayern wird jetzt überprüfen lassen, wie die Verbindung zwischen Münchener Flughafen und Hauptbahnhof verbessert werden kann.
Steht die Transrapid-Technologie insgesamt vor dem Aus?
Beckstein: In Deutschland wird keine Strecke gebaut. Das Münchener Projekt war die letzte Chance. Dennoch muss die Technologie weiter gefördert werden. Es sind bereits mehr als zwei Milliarden in die Magnetschwebetechnik gesteckt worden. Es gibt Interessenten in China, in den USA und im arabischen Raum. Mit einer deutschen Referenzstrecke wäre es sicher einfacher gewesen.

Weshalb kommt in Deutschland entwickelte Hochtechnologie so häufig im eigenen Land nicht zur Anwendung?
Beckstein: Das ist ein großes Problem. Wir können nur Exportweltmeister bleiben, wenn wir unsere Einstellung zur Hochtechnologie ändern.

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