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18. November 2017 | 11:39 Uhr

Ungeheuerlich

vom

svz.de von
erstellt am 06.Apr.2012 | 07:54 Uhr

Dass sich deutsche Schriftsteller zu Wort melden und in aktuelle politische Debatten einschalten, kommt leider allzu selten vor. Seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, herrscht bei den wenigen führenden Intellektuellen hierzulande eher Schweigen, wenn es um aktuelles Zeitgeschehen geht. Wenn sich dann ein Literat, noch dazu einer von Weltruhm, dazu entschließt, sich einzumischen, sollte dies eigentlich ein Grund zur Freude sein. Günter Grass hat sich mit seinem so genannten Gedicht allerdings ins Abseits geschrieben. Beinahe noch schlimmer als seine gezielt provokanten und israelfeindlichen Verse ist seine Reaktion auf den Sturm der Entrüstung darauf. Mit jedem Interview und jeder weiteren Äußerung stürzt er sich noch weiter ins Unheil. Der Dichter in der Opferrolle und die Medien "gleichgeschaltet" wie in der Zeit des Nationalsozialismus’ - ein ungeheuerlicher Vergleich. Offenbar ist der Literaturnobelpreisträger von allen guten Geistern verlassen. Dass nicht Israel das Existenzrecht des Iran offen aggressiv in Frage stellt, sondern umgekehrt, blendet Grass völlig aus. Dass der Diktator Ahmadinedschad den Holocaust leugnet und seit Jahren mit der Welt Katz und Maus spielt, findet bei ihm keine Erwähnung. So wie Grass jahrzehntelang seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS verschwiegen und verdrängt hatte, so verdrängt er jetzt die Realität im Konflikt zwischen Iran und Israel. Dass er sich bei seiner Rechtfertigung und der Kritik an der Reaktion der Presse der Terminologie des Nationalsozialismus’ bedient, lässt ernsthafte Zweifel an seiner Urteilskraft aufkommen. Sollte Grass noch einen Rest an Autorität als moralische Instanz gehabt haben, so hat er auch diesen nun eingebüßt.

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