Und täglich grüßt die Seifenoper

GZSZ-Darsteller feiern ausgelassen den Serien-Dauererfolg (hier nach18 Jahren). dpa
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GZSZ-Darsteller feiern ausgelassen den Serien-Dauererfolg (hier nach18 Jahren). dpa

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11. Mai 2012, 10:17 Uhr

Billig, schlecht und stümperhaft – niemand ließ ein gutes Haar an der neuen Seifenoper, als „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ heute vor 20 Jahren, am 11. Mai 1992 das erste Mal auf dem Bildschirm auftauchte. RTL hatte das Serienkonzept in Australien eingekauft, die Drehbücher von „Restless Years“ schlecht als recht eingedeutscht – und erntete berechtigt Hohn, Spott und miese Quoten. Neben wenigen Profis geisterten damals vor allem jungschöne Schauspiel-Dilettanten durch Kulissen, die aussahen wie Möbelhaus-Schauräume, oder, noch schlimmer, eben wie Kulissen. Der damalige RTL-Boss Helmut Thoma erzählt heute noch gern, dass GZSZ im ersten Jahr eine Dauer-Katastrophe war.

Aber „GZSZ“ gibt es immer noch, in wenigen Tagen schickt RTL Folge Nummer 5000 ins Programm. Die Seifenoper ist Kult, vor allem bei jungen Frauen zwischen 14 und 29 Jahren. Von der Besetzung der ersten Jahre sind nur noch wenige Darsteller dabei, allen voran Wolfgang Bahro als fieser, aber familiensinniger Anwalt und Geschäftsmann Dr. Jo Gerner. In der Jubiläumswoche ab 21. Mai darf er auf einer Art Rachefeldzug noch mal alle Register ziehen.

Feuilletonisten regen sich schon längst nicht mehr auf über die 25-minütigen Folgen, die jeden Werktagabend laufen. Die Quoten stimmen – und die Werbeumsätze erst recht. Angeblich kostet eine der in Potsdam-Babelsberg mit rund siebenwöchigem Vorlauf produzierten Folgen rund 80000 Euro, berichtete vor wenigen Jahren die Financial Times Deutschland , und rechnete gleich vor, wie sehr sich das lohnt.

Denn mindestens 30000 Euro koste es, einen Werbespot im GZSZ-Umfeld zu platzieren. Und bis zu 24 Spots hätten pro Folge Platz. RTL-Veteran Helmut Thoma erzählte der Zeitung, die Soap sei mittlerweile das wirtschaftliche Rückgrat des Senders – und ein Beweis dafür, dass man einen längeren Atem brauche, als er heute in den Programmdirektionen üblich ist.

Hinter der Geldmaschine GZSZ steckt harte Arbeit. „Wir bewegen uns in einem sehr engen Zeitkorsett, das nicht mit der Produktion einer Prime-Time-Serie verglichen werden darf“, sagt Producerin Marie Hölker. Die Schauspieler sind fest angestellt, die generalstabsmäßig organisierte Produktion schafft 25 Sendeminuten pro Drehtag. Normal sind im Fernsehseriengeschäft nur acht Minuten.

Christiane Ghosh, Ressortleiterin Tägliche Serien bei RTL, erklärt den Erfolg der Soap so: „Ich denke, dass GZSZ sich nie auf dem Erfolg ausgeruht, sondern sich immer wieder selbst neu erfunden hat.“ GZSZ wage neue Themen, beispielsweise mit dem multikulturellen Paar Ayla (Sila Sahin) und Philip (Jörn Schlönvoigt).
Nun ja. Zwar sorgt das Team aus sechs Chef-Autoren und weiteren Drehbuchschreibern dafür, dass an aktuelle Ereignisse angelehnte Handlungselemente – Figuren bekamen schon mal Schweinegrippe – in GZSZ vorkommen. Vor allem aber bietet die Serie jeder Altersgruppe eine ausgefeilte Reihe von eigenen Identifikationsfiguren. Aber ein bisschen geschönt ist es schon, das Leben vor allem der jungen Leute in der anfangs ungenannten Stadt, die heute jeder als Berlin identifizieren kann.

Man ist Model oder will es werden, versucht sich als Geschäftsmann, ist vielleicht auch Arzt oder Reporter, betreibt einen coolen Laden, verdient sein Geld als DJ oder macht einen Club auf. Gut, Leon (Daniel Fehlow) ist Koch und dass mit Dominik (Raul Richter) mal eine Figur auftauchte, die ihr Geld als Zimmermann verdient, war bemerkenswert. Aber Beruf ist sowieso Nebensache. Vor allem haben die Figuren neben dem Job noch genug Zeit, sich in allerlei Konflikte und Beziehungsdramen zu verstricken. Die meistens gar keine Dramen wären, wenn mal jemand Klartext reden würde.

Egal. Unter der manchmal glamourösen Oberfläche verbergen sich bei GZSZ durchaus harte Stoffe: Die Serie thematisiert die Suche nach sexueller Identität und Coming-Out-Probleme, die konfliktbeladene Patchwork-Familie ist fast schon ein Standardmotiv, es geht um Migrationshintergründe, Kriminalität, Drogen und Missbrauch, um psychische Defekte und für die jungen Figuren so vor allem darum, im Leben beide Beine auf den Boden zu bekommen. Wenn eine Serie wenigstens hin und wieder ernste Coming-of-Age-Probleme so unterhaltsam verpackt verhandelt, sorgt sie im Vorabendprogramm deshalb durchaus für mehr gute als schlechte Zeiten. Also auf die nächsten 20 Jahre.

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