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23. Oktober 2017 | 10:12 Uhr

Interview : Umschalten auf Westprogramm

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warum sich Ost- und Westdeutsche teils bis heute nicht verstehen

Manfred W. Hellmann fing 1964 an, am Institut für Deutsche Sprache (IDS) die sprachliche Entwicklung in Ost und West zu beobachten und hörte erst 2001 damit auf. Den westdeutschen Linguisten hat es nicht gewundert, dass die Kommunikation direkt nach dem Mauerfall so oft schief ging. „Das hat mich bedrückt“, sagt er im Interview mit Ulrike von Leszczynski.

Was ist 1989 mit der deutschen Sprache passiert?

Erst einmal gab es kommunikatives Chaos. Da ging alles schief, was schiefgehen konnte. Es gab viele Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung wie etwa „Bilanz“. Wessis denken da an Gewinn und Verlust, Ossis ans Gleichgewicht zwischen Planauflage und Planerfüllung. Dazu kam ein völlig anderes Kommunikationsverhalten. Und wenn, nahmen DDR-Bürger auch sprachlich Rücksicht auf ihre westdeutschen Besucher.

Gab es so etwas wie eine sprachliche Wiedervereinigung?
Nein, das war eindeutig eine sprachliche Übernahme. Die Anpassungsleistung erbrachte allein der Osten. Da sage ich heute noch: Hut ab. Von den 800 bis 1400 Wörtern, die DDR-spezifisch waren, überlebten im Osten nur wenige. Broiler und Kaufhalle zum Beispiel. Noch weniger fanden Eingang in den gesamtdeutschen Wortschatz, wie „Fakt ist“. Es gab aber auch Wörter, die im Osten eine schärfere Bedeutung bekamen, etwa „abwickeln“. Das stand fast für ein menschenverachtendes Verhalten.

Gab es in der DDR denn wirklich ein anderes Deutsch?
Es gibt die These, dass es ideologisch-formelhaft geprägte DDR-Sprache gab, den SED-Jargon, der sich wie eine Decke übers vermeintlich gemeinsame Umgangsdeutsch legte. Ich halte diese Hypothese für zu einfach. Es gab viel mehr Schichten von Sprache. In der Arbeitswelt der DDR hat sich das oft vermischt. Aber viele Westdeutsche waren nach der Wende nicht in der Lage, zu unterscheiden. Die haben gedacht: Das sind alles SED-Wörter. Wer die benutzt, kann ja nur ein SED-Mensch sein.

Gab es im Osten eine sprachliche Schere im Kopf?
Ja, der offizielle Jargon war in der DDR eindeutig schärfer von der Alltagssprache getrennt als im Westen. Wenn DDR-Bürger Gesprächspartner nicht kannten, benutzten sie ein anderes Vokabular. Das war wie ein Umschalten. Wenn ich mit Leipziger Bekannten in der Straßenbahn saß, haben sie ganz anders mit mir gesprochen als später, wenn wir allein waren. Schon Kinder wurden zu dieser Art von Zweisprachigkeit erzogen.

Wie anders war das Kommunikationsverhalten im Osten?
Es gab kommunikative Situationen, auf die Ost-Bürger gar nicht vorbereitet waren, etwa Vorstellungsgespräche. Oder wenn ein Ostdeutscher auf eine andere Meinung einer vermeintlichen Autorität trifft, kann es passieren, dass er einfach schweigt – oder abwehrt. Ein Westdeutscher dagegen fragt sich: Warum sagt der denn nicht seine Meinung und diskutiert das mit mir aus? Aber solche Diskussionen konnten in der DDR existenzgefährdend sein! Das hat der Wessi bis heute nicht begriffen. Und redet einfach weiter – weil er denkt, er habe nicht genug argumentiert.

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