Überraschung: Junghans nicht abgewählt

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26. Februar 2008, 07:40 Uhr

Als könnte er es selbst noch nicht glauben, nahm Dezernent Hermann Junghans (CDU) nach dem zumindest in der Deutlichkeit erstaunlichen Abstimmverhalten der Stadtvertreter die Glückwünsche einiger Kommunalpolitiker entgegen. Denn der fraktionsübergreifende Abwahlantrag gegen ihn war durchgefallen. "Dass der Antrag so klar scheitert, hätte ich nicht gedacht. Aber das Ergebnis zeigt, dass nicht nur die CDU-Fraktion meine Arbeit nicht als so schlecht einschätzt", sagte Junghans. Schon heute wird er nach eigenem Bekunden ins Stadthaus und damit in die Verwaltungsspitze zurückkehren.

Vor der geheimen Abstimmung zu seiner Abberufung hatte Junghans in einer nüchternen Rede seine Bilanz der Ereignisse nach dem Bekanntwerden des Hungertodes der fünfjährigen Lea-Sophie gezogen. Die massive Kritik an seiner Person und den Entscheidungen des von ihm verantworteten Jugendamtes in dem tragischen Fall hatten zuerst zur Übertragung des Amtes an einen anderen Dezernenten, dann im Januar zu seiner Freistellung und zuletzt zum Abwahlantrag gegen ihn geführt. Zu lange habe Junghans den Eindruck erweckt, es seien keine Fehler gemacht worden, so der Vorwurf. Von "zögerlicher Aufklärung" bis hin zur "Verdunklung" sprechen seine Kritiker. Zu möglichen persönlichen Verfehlungen äußerte sich Junghans gestern aber nicht. Stattdessen sagte er, dass er - "wenn auch mit anderen Formulierungen" genauso wieder handeln würde, wie er es nach dem Bekanntwerden des Todes der fünfjährigen Lea-Sophie im November 2007 getan hatte.

"Politisch unklug, sich so vor die Mitarbeiter zu stellen"
Niemals habe er gesagt, dass "keine Fehler gemacht wurden". Er habe stets verdeutlicht, dass dies nach "bisherigem Kenntnisstand so gewesen" sei. An dieser Aussage - und damit offensichtlich seinem Wissen über die Vorgänge im Jugendamt - hatte sich seit dem Tod von Lea-Sophie bis ins neue Jahr nichts geändert, werfen ihm vor allem die Fraktionen der Unabhängigen Bürger, der Bündnisgrünen und der SPD vor.

Nur eine seiner Entscheidungen zweifelte Junghans gestern an: "Es mag politisch unklug gewesen sein, sich so vor die Mitarbeiter zu stellen, wie ich es getan habe", so Junghans.

Worte des Bedauerns über das Schicksal der Fünfjährigen oder darüber, dass Lea-Sophies Großvater mehrfach vergeblich um Hilfe im Jugendamt ersucht hatte, fand Junghans nicht. Dafür übte er sich in Medienschelte. "Durch Auslassungen und Verdrehungen ist ein Bild entstanden, dass ich nicht mehr zurechtrücken konnte", sagte der Spitzenpolitiker.

Ob es Junghans Rede, die von Christoph Priesemann (FDP) beantragte geheime Abstimmung über die Zukunft des Dezernenten oder der - wie von CDU-Fraktionschef Gert Rudolf nicht ausgeschlossene - Widerwille gegen die wachsende Kritik auch an Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) im Fall Lea-Sophie war, bleibt offen. Fakt ist: Nur 23 der 41 anwesenden Stadtvertreter votierten für eine Abberufung, 17 dagegen, ein Kommunalpolitiker enthielt sich. 30 Stimmen wären erforderlich gewesen.

Die Bestürzung über das Ergebnis war fraktionsübergreifend groß. SPD-Fraktionschefin Manuela Schwesig: "Diejenigen Stadtvertreter, die erst für eine Abwahl unterschrieben hatten und heute anders gestimmt haben, sollten sich schämen." Unter Protest verließen die Fraktionen von SPD, Grünen und Unabhängigen die Sitzung, die daraufhin abgebrochen wurde.

Welche Aufgaben Junghans jetzt übernehmen wird, konnte der OB gestern noch nicht sagen. Das Jugendamt werde es wohl nicht sein. Unabhängig davon hielt Claussen Auswirkungen des gestrigen Votums auf seine Person für möglich. "Vielleicht lässt jetzt Mancher seinen Frust an mir aus", sagte er mit Blick auf den von vier Fraktionen angestrebten Bürgerentscheid über den OB.

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