Turbo-Abi setzt Schüler unter Druck

Unterstützung bei den Hausaufgaben: Stefanie  Schmidt (l.) hat das Abitur noch nach 13 Jahren gemacht – Nadja Benes hat dafür nun ein Jahr weniger Zeit. Foto: Reinhard Klawitter
Unterstützung bei den Hausaufgaben: Stefanie Schmidt (l.) hat das Abitur noch nach 13 Jahren gemacht – Nadja Benes hat dafür nun ein Jahr weniger Zeit. Foto: Reinhard Klawitter

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04. Februar 2008, 09:30 Uhr

Schwerin - Längerer Unterricht, mehr Hausaufgaben, kaum Freizeit – und am Ende schlechtere Noten? In den Vorbereitungen auf das Abitur sehen Landeselternrat und GEW Jugendliche, die die Prüfungen erstmals nach zwölf Schuljahren schreiben, benachteiligt gegenüber Mitschülern der 13. Klasse.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das spüren gerade all jene 6500 Jugendlichen im Land, die in diesem Jahr erstmals ihr Abitur nach zwölf Schuljahren ablegen. Für sie ist das Ende der Schulzeit zwar zum Greifen nah. Wirkliche Freude will bei ihnen darüber jedoch nicht aufkommen. Unterricht bis in den späten Nachmittag, Hausaufgaben, Büffeln für Klausuren – alles in allem kommen viele von ihnen pro Woche auf mehr als 50 Stunden, die sie für die Schule aufwenden. Daran würden sie sich nicht stören, hätten sie nicht das Gefühl gegenüber den 6250 Gymnasiasten aus der Jahrgangsstufe 13 im Nachteil zu sein.

Kein subjektiver Eindruck, sagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ebenso wie der Landeselternrat. „Die Jugendlichen haben bei gleichem Stundenvolumen eine höhere Belastung als jene, die für das Abitur 13 Jahre Zeit haben“, so GEW-Landesvorsitzende Annett Lindner. „Es ist kaum einzusehen, dass Schüler mehr Arbeitszeit leisten als Eltern.“ Ein weiterer „deutlicher Nachteil“: Die Schüler könnten erst in der 12. Klasse entscheiden, in welchen Fächern sie sich auf Leistungskursniveau prüfen lassen – und damit weniger gut ihre Leistungen einschätzen als diejenigen, die nach 13 Jahren das Abi machen.

Der Vorsitzender des Landeselternrates, André Wionsek, macht zwar keinen Hehl daraus, „dass ein Gymnasium keine Kuschelschule ist“. Doch auch er kritisiert, dass der Unterricht über den ganzen Tag hinaus gezogen werde – und schließt nicht aus, dass der zwölfer Jahrgang aufgrund des größeren Stresses bei den Prüfungen schlechter abschneiden könnte. Für ihn sollte Schule nicht über 15 Uhr hinaus gehen. „Dann bleibt noch genügend Zeit für Hausaufgaben und Freizeit.“ Sowohl der Landeselternrat als auch die GEW sehen die Ganztagsschule in der Pflicht, den Tag entsprechend „zu rhythmisieren“.

Der Tag einer Schülerin
„Endlich Freitag!“ Die zwei Worte im Wochenplaner von Nadja Benes sind in Großbuchstaben geschrieben und dick umrandet. Der Ausruf nimmt gleich mehrere Zeilen Platz ein. So ein großflächiger Eintrag wäre an den anderen Tagen im Kalender der 16-jährigen Schülerin aus Schwerin gar nicht möglich – sie sind bereits von oben bis unten gefüllt. Beispiel mittwochs: 7.40 bis 14.25 Uhr Schule, Sitzung der Schülerzeitungsredaktion bis 15.30 Uhr, Orchesterprobe, zwei Stunden Zeit für Hausaufgaben bis zum Abendbrot, anschließend restliche Hausaufgaben erledigen, für die Klausur am nächsten Tag lernen und früh schlafen gehen. „Das ist manchmal ganz schön ermüdend“, sagt Nadja. „Dabei kann ich noch von Glück reden, weil mir das Lernen leicht fällt.“ Die Schülerin der 10. Klasse des Fridericianums ist ehrgeizig, hat einen Notendurchschnitt von 1,2. Sie liebt ihre Hobbys, strukturiert ihren Tag lieber straff durch, als auf das Klavier- oder Gitarrespielen zu verzichten.

Jugendliche kommen locker auf 50-Stunden-Woche
Das ist in ihrer Klasse jedoch längst nicht mehr die Regel. Mit der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren hat sich die Stundenzahl von 28 in der Oberstufe und 30 in der Unterstufe auf 35 erhöht, wie die Gymnasiastin berichtet. Im elften Schuljahr steigt das Pensum sogar auf 36 Stunden, im zwölften sind es dann wieder zwei weniger: Zeit, um für die Prüfungen zu lernen.

Länger als ein Arbeitstag
Rechnet man noch zwei bis drei Stunden Hausaufgaben pro Tag hinzu, kommen die Jugendlichen locker auf eine 50-Stunden-Woche. Nicht mitgezählt: Lange Anfahrtswege von Schülern aus den Umlandgemeinden. „Viele haben ihre Hobbys schon aufgeben müssen“, erzählt Nadja. Wer nicht so schnell mitkomme, versuche es mit Nachhilfestunden. Doch die können sich nicht alle Eltern leisten. Mit bedenklichen Folgen: „Jetzt bleiben mehr als doppelt so viele Schüler sitzen wie früher, und zwar nicht nur an unserer Schule“, weiß Nadja.

Druck für Schüler
Obwohl sie es gar nicht müsste, hat auch sie schon einmal Nachhilfe genommen. „Ich wollte mich in Mathe noch verbessern“, sagt sie. Den Druck macht sie sich selbst – und letztlich auch der Arbeitsmarkt. Nadja weiß: Mit einem Einser-Abi öffnet sie sich viele Türen. Unabhängig davon, welchen Beruf sie ergreift. Denn diese Entscheidung steht noch aus.
Ihre ehemalige Nachhilfelehrerin Stefanie Schmidt hat ihr Abitur im vergangenen Jahr an der gleichen Schule gemacht – allerdings noch nach 13 Jahren. Wenn die 20-Jährige Nadjas Terminkalender sieht, runzelt sie die Stirn. „Früher hatten wir nicht so viel Stress.“ Dabei sind sowohl Nadja als auch Stefanie keinesfalls gegen das Abitur nach zwölf Jahren.

„Wir sind die Versuchskaninchen“
„Das Problem ist nur, das gleichzeitig das alte Kurssystem abgeschafft wurde“, meint Stefanie. Statt früher Spezialisierung gibt es nun mehr verpflichtende Hauptfächer wie Deutsch, Mathematik, Geschichte, Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Das soll die Allgemeinbildung verbessern. Laut Bildungsministerium entspricht das genau dem, was die Hochschulen seit Jahren fordern. Für die Schüler wächst die Belastung dadurch aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Eine weniger strenge Begrenzung ihrer Wahlmöglichkeiten wäre den meisten Mädchen und Jungen lieber.

Auch für die Lehrer bedeuteten die ständigen Veränderungen mehr Stress, wie Nadja bemerkt hat. Es bleibe nicht mehr so viel Zeit, Themen ausführlich zu erklären oder nachzuarbeiten. Die Vorreiterrolle des Landes bei der Umsetzung des Abiturs nach zwölf Jahren hält Stefanie daher für problematisch: „Die Bayern gucken sich das in Ruhe an und wir in Mecklenburg-Vorpommern sind die Versuchskaninchen.“ Im Freistaat Bayern machen die Schüler im Jahr 2011 erstmals ihr Abitur nach zwölf Jahren.

Zurück zur 13-Jahres-Regelung?

Der Landeselternrat geht noch einen Schritt weiter und plädiert generell für die 13-Jahres-Regelung. „Damit haben die Schüler einfach mehr Zeit, gute Leistungen zu bringen“, ist der Elternratsvorsitzende André Wionsek überzeugt. Er kritisiert vor allem, dass die Schullandschaft noch gar nicht für die jetzige Umstellung gerüstet sei. Der Unterricht werde in den Nachmittag verlagert, auch wenn die Kriterien für Ganztagsschulen nicht erfüllt seien, so Wionsek. Die Belastung für die Kinder und Jugendlichen sei sehr hoch. „Der Schultag ist inzwischen länger als ein Arbeitstag, das sollten sich einmal diejenigen vor Augen führen, die sich das ausgedacht haben“, schimpft der Vorsitzende.

Harter Konkurrenzkampf
Der doppelte-Abi-Jahrgang sei zudem einem harten Konkurrenzkampf ausgesetzt, so Wionsek. Zwar will das Land mit Hilfe von Bundesmitteln seine Studienplatzzahl für Erstsemester konstant bei rund 6200 halten, damit soll jedoch vor allem der zunehmende Ansturm aus den alten Bundesländern bewältigt werden. Auf dem Ausbildungsmarkt dürfte es wiederum vor allem für Regionalschüler schwer sein, sich in diesem Jahr durchzusetzen.

Immerhin: Für die Lehrer hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereits einen Kompromiss im Streit um die erhöhte Belastung beim Doppel-Abitur erzielt. Sie sollen einen Zeitausgleich erhalten.

Zeit ist ein Wort, das im Wochenplaner von Nadja Benes nur sonnabends Platz findet. Spätestens Sonntagmittag ist das Wochenende für sie wieder vorbei. Dann heißt es wieder: Hausaufgaben machen, für Klausuren lernen, Klavierspielen üben – sonst gerät die kommende Woche aus dem Takt.

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