„Turbo-Abi“? – Ja, bitte!

Durch die Rückkehr zum Abitur nach zwölf Jahren gibt es 2008 in MV eine doppelte Reifeprüfung nach dem 12. und 13. Schuljahr. Nicht so am Gymnasium in Dömitz. Auf Wunsch von Eltern und Schülern hat es sich nie von der Zwölf-Jahres-Regelung verabschiedet. Auch Christopher Weber hat hier bereits das „Turbo-Abi“ gemacht. Jetzt ist der 24-Jährige an seine ehemalige Schule zurückgekehrt – als Lehramtspraktikant.

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13. März 2008, 08:58 Uhr

Dömitz - Etwas komisch sei sie schon gewesen, die erste Stunde „auf der anderen Seite“, sagt Christopher Weber. Komisch und spannend zugleich. Denn dort, wo er vor sechs Jahren selbst noch die Schulbank drückte, steht er nun am Lehrerpult: am Gymnasium in Dömitz. Zu T-Shirt, Jeans und Turnschuhen ist inzwischen ein Jacket hinzugekommen. Ein kleines Hilfsmittel, um sich abzugrenzen und sich den nötigen Respekt zu verschaffen. Offenbar mit Erfolg. „Bis jetzt gab es noch keine Stunde, in der ich meine Berufswahl bereut hätte“, bilanziert der angehende Mathe- und Physiklehrer nach vier Wochen Praktikum.

Die 11. Klasse freiwillig übersprungen
Die Schule, in die der Student für seinen Praxis-Nachweis zurückgekehrt ist, konnte er damals gar nicht schnell genug verlassen. Im Jahr 2002 legte er seine Reifeprüfung nach zwölf Jahren ab – parallel zum ersten und letzten Abi-Jahrgang nach 13 Jahren in Dömitz. Denn sowohl die Gymnasiasten als auch ihre Eltern bezweifelten zu diesem Zeitpunkt den Sinn der landesweiten Umstellung auf das Abitur nach 13 Jahren und forderten die Schule auf, nach einer Alternative zu suchen.
In Absprache mit dem Bildungsministerium und dem staatlichen Schulamt war die Lösung schnell gefunden: ein Schulversuch in Form einer Ganztagsschule. Dafür erklärten sich die Schüler freiwillig bereit, die 11. Klasse zu überspringen und eine Stundenerhöhung in den Klassen 12 und 13 auf sich zu nehmen, wie Schulleiter Klaus Niemann berichtet. Eine Entscheidung, über die fortan jedes Jahr neu abgestimmt wurde und die immer gleich ausfiel: pro Zwölf-Jahres-Regelung.
Fühlten sich die Jugendlichen durch das „Turbo-Abi“ denn nicht benachteiligt? „Im Gegenteil“, sagt Christopher Weber. „Wir wollten so schnell wie möglich fertig werden, raus aus der Schule, rein ins Leben.“ Hinzu kam der Eindruck, dass Schüler beim Abitur nach 13 Jahren unterfordert waren und Zeit vergeudeten. Die Notendurchschnitte seien beim Doppel-Abitur 2002 absolut identisch gewesen, ergänzt Niemann. Den besten Schnitt hatte damals eine Schülerin aus dem Zwölfer-Jahrgang.
Trotzdem gab es auch Befürchtungen. Zum Beispiel die, dass die Schüler durch die erhöhte Stundenzahl kaum noch Zeit für ihre Hobbys haben würden. Eine Debatte, die aktuell auch in den anderen Gymnasien in Mecklenburg-Vorpommern geführt wird, denen das Doppel-Abitur und die vollständige Rückkehr zur Zwölf-Jahres-Regelung in diesem Jahr noch bevorsteht. Dieses Problem sei jedoch durch die Ausrichtung als Ganztagsschule aufgefangen worden, so Niemann. „Hobbys wie Sport oder Musik sind in den Schulalltag integriert worden, zum Beispiel durch Partnerschaften mit Musikschulen.“

Im Nachbarland locken bessere Bedingungen
Dass der doppelte Abi-Jahrgang auch Stress für die Lehrer bedeutet hat, will der Schulleiter nicht bestreiten. Damals sei es aber einfacher gewesen, das Kollegium zu motivieren. Heute, weiß Niemann, sind landesweit viele Pädagogen wegen des Lehrerpersonalkonzeptes mit seinen Stunden- und Gehaltskürzungen frustriert. Einige Kollegen seien aus Dömitz ins nahe Niedersachsen gewechselt, wo Vollzeitbeschäftigung und Verbeamtung winken. Immerhin: Beim Personalkonzept zeichne sich in den nächsten Jahren eine Entspannung ab, meint Niemann. 2009 werden außerdem die Ost- an die West-Gehälter angeglichen.
Darauf setzt auch Christopher Weber. Der Rostocker Student kann sich gut vorstellen, nach dem zweiten Staatsexamen von der Küste an die Elbe zurückzukehren. Ob diesseits oder jenseits der Landesgrenze, steht allerdings noch nicht fest. Das wird von den künftigen Bedingungen für Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern abhängen.

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