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23. November 2017 | 16:15 Uhr

Trotz statt Reue: Grass schlägt zurück

vom

svz.de von
erstellt am 06.Apr.2012 | 08:00 Uhr

Reue, Einsicht oder zumindest ein Hauch von Selbstzweifel? Gar eine Entschuldigung nach der einhelligen öffentlichen Verurteilung seiner Thesen?

Keine Spur von Relativierung oder kritischer Selbstprüfung. "Widerrufen werde ich auf keinen Fall!", sagt der Dichter trotzig in die Fernsehkamera, so als habe man ihn der Ketzerei für schuldig befunden, und ihm drohe die Inquisition. "Ich werde hier an den Pranger gestellt", sagte er. Günter Grass denkt gar nicht daran, einzulenken, Fehler einzuräumen, sieht sich nicht als Täter, sondern in der Rolle des Opfers. Ja, Israel sei mit seinen Atomwaffen eine Bedrohung für den Weltfrieden, bekräftigt er.

Der Schriftsteller schlägt gleich in mehreren Interviews zurück. "Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht", wählt Grass die Sprache der Nazis, um auf den gewaltigen Proteststurm auf sein Gedicht "Was gesagt werden muss" und seine Kritik an Israel zu reagieren. Natürlich habe er gehofft, "dass es zu einer Debatte kommt". Doch den gewaltigen Proteststurm national und international erlebe er "fast wie eine gleichgeschaltete Presse", so sein Vorwurf, der eine neue heftige Welle der Kritik auslöst.

Der Literaturnobelpreisträger klagt, seine Kritiker würden nicht auf Fakten und Inhalt seiner am Mittwoch veröffentlichten Schrift eingehen. "Der durchgehende Tenor ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einzulassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", erklärte der 84-jährige. Es würden alte Klischees bemüht und ihm Antisemitismus unterstellt, beklagt er Opfer "einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen" zu sein. Erneut spricht Grass von einem drohenden "Präventivschlag" Israels, warnt vor der Gefahr eines Dritten Weltkrieges.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu attackierte Grass scharf: "Die schändliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und damit droht, Israel zu vernichten, sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus", erklärte er. Grass’ Gedicht - ein "Machwerk des Ressentiments", ein "Dokument der Rache", so das Urteil von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher.

Grass unter massivem Beschuss - dass ausgerechnet er Israel angreift, der erst 2006 eingeräumt hatte, in der Zeit des Nationalsozialismus selbst im Alter von 17 Jahren in der Waffen-SS gedient zu haben, dies jahrzehntelang verschwiegen hatte, stößt im politischen Berlin auf großes Unverständnis.

Auch in der SPD geht man deutlich auf Distanz zu dem Schriftsteller, der die Partei in der Vergangenheit immer wieder unterstützt hatte, unter anderem für den früheren Bundeskanzler Willy Brandt, zuletzt auch für Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat Wahlkampf gemacht hatte. "Ich schätze Günter Grass sehr, aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen", sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles.

Erst 1982 war Grass in die Partei eingetreten und zehn Jahre später aus Enttäuschung über die Zustimmung zum Asylkompromiss wieder ausgetreten. In der SPD-Spitze geht man jetzt nicht davon aus, dass Grass im nächsten Bundestagswahlkampf für die Partei auftreten werde. "Keine Partei wird mehr Freude daran haben, dass er sich an ihre Seite begibt", heißt es aus SPD-Kreisen. Nach seinen jüngsten Äußerungen zu Israel sei Grass "für niemanden mehr vorzeigbar".

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