Traumstart für den "Bürger Gauck"

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22. Juni 2012, 07:26 Uhr

Es ist ein Routinetermin, doch kommt die Soirée im Schloss Bellevue am Dienstagabend dem Präsidenten wohl nicht ungelegen. Die Studenten der Weimarer Hochschule für Musik „Franz Liszt“ spielen am Dienstagabend im Berliner Amtssitz des Staatsoberhauptes auf. Und das Hauskonzert wird zum Ständchen für Joachim Gauck und seine ersten 1 Tage in der neuen Rolle.

Knapp dreieinhalb Monate nach seiner Wahl fällt das Urteil der Deutschen über ihren neuen Bundespräsidenten eindeutig aus. Die Bürgerinnen und Bürger sind hochzufrieden, geradezu begeistert. 78 Prozent der Deutschen loben seine Arbeit und Amtsführung. Der neue erste Mann im Staat hat seinen Vorgänger Christian Wulff und dessen unglückliche Amtszeit schnell vergessen gemacht. Ihm fliegen Sympathien und Herzen scheinbar zu, er kommt auf Umfragewerte, von denen Wulff nur träumen konnte. Ein Traumstart, den Gauck am Dienstagabend wohl noch einmal von der Musik des Orchesters begleitet Revue passieren lassen wird.

„Was für ein schöner Sonntag!“, startete der 72-jährige Pfarrer am Tag seiner Wahl in der Bundesversammlung frisch, unbeschwert und optimistisch. „Bürger Gauck“ wolle er auch in der neuen Funktion ein wenig bleiben, versicherte das Staatsoberhaupt. Wo er auftritt, macht er eine souveräne Figur. Beim Antrittsbesuch in Polen wird der „Freund der Freiheit“ wie ein guter alter Vertrauter empfangen, die Visite ist die erste gelungene Prüfung für ihn. Viel Lob auch für seinen schwierigen Auftritt in Israel: „Vergiss nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften“, lauten seine selbst gewählten Worte, die er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu Papier bringt. Als er die Formulierung der Kanzlerin von der deutschen Staatsraison für die Sicherheit Israels hinterfragt, auf Distanz geht, eckt er damit daheim zwar an, doch ohne Folgen. Weder versucht er sich bei Merkel und Co. anzudienen, noch redet er denen nach dem Mund, die ihn auf den Schild für das Präsidentenamt gehoben haben. Als er die Äußerung seines Vorgängers Wulff relativiert, der gesagt hatte, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre, ist man in den Reihen von SPD und Grünen nur wenig begeistert. „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, stellt Gauck klar und erhält dafür vor allem Beifall aus der Union.

Ähnliche Reaktionen, als er zuletzt beim Antrittsbesuch bei der Bundeswehr den „Mut-Bürger“ in Uniform lobt und mit der Hand an der Fahne das Hohelied auf die Truppe anstimmt. „Für diese unsere Bundeswehr bin ich dankbar“, sagt er. „Diese Bundeswehr ist keine Begrenzung der Freiheit, sondern eine Stütze der Freiheit“, erklärt Gauck. Seine Warnung vor Planwirtschaft und einem Übermaß an Subventionen bei der Energiewende löste Argwohn und Verärgerung bei SPD und Grünen aus. Viel beachtet seine warmen Worte und die mitfühlende Geste beim Abgang des früheren Umweltministers Röttgen.

Trost und menschliche Wärme in der Stunde machtpolitischen Kalküls. Gauck war es auch, der mit seiner frühen Absage eines Besuches in der Ukraine, das Schicksal der dort inhaftierten Ex-Regierungschefin Timoschenko noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rückte. Seine Worte sind nicht die eines herkömmlichen Politikers. Der Theologe, Bürgerrechtler, Buchautor und Vortragsreisende macht es seinen Redenschreibern mitunter schwer, bedient sich zwar aus ihrem Repertoire, verlässt sich oft aber auf seine Gabe. „Ich bin in einem Prozess, mich selbst zu definieren“, hatte Gauck bei Amtsantritt eingestanden. Ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen zu sein scheint. Auch wenn der Ostdeutsche gerade wegen seiner Vita als Apologet der Freiheit gilt, so hat er das bestimmende Thema für seine Präsidentschaft noch nicht gefunden. Auch die eine große Rede lässt noch auf sich warten.

Eine echte Schonfrist in den ersten 100 Tagen hatte Gauck nicht. Waren doch nach dem Desaster um Vorgänger Wulff die Augen besonders auf ihn gerichtet. Jetzt dürfte Gauck erneut in den Fokus rücken: Der Präsident wird die Gesetze zum Euro-Stabilitätspakt ESM und dem fehlenden Fiskalpakt wegen drohender Verfassungsklagen zunächst auf Bitten der Karlsruher Richter nicht unterschreiben. Auf seine Worte zur Eurokrise und dem Krisenmanagement darf man gespannt sein.

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