„Totengräber der Sowjetunion war das ukrainische Volk“

Von 1991 bis 1994 war Leonid Krawtschuk erster Präsident der unabhängigen Ukraine.
Von 1991 bis 1994 war Leonid Krawtschuk erster Präsident der unabhängigen Ukraine.

Der erste ukrainische Staatschef, Leonid Krawtschuk, war einer der Akteure bei der Gründung der GUS: Im Interview blickt er zurück

svz.de von
27. Dezember 2016, 08:00 Uhr

Der Ukrainer Leonid Krawtschuk half vor 25 Jahren, das Ende der Sowjetunion zu besiegeln. Bei einem Geheimtreffen in Weißrussland im Dezember 1991 wurde die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) beschlossen. Im Interview mit Autor Andreas Stein erzählt der 82-Jährige, warum sie das Treffen vor Gorbatschow geheim hielten.

Mit welchen Absichten sind Sie im Dezember 1991 nach Weißrussland gefahren?

Krawtschuk: Wir gerieten bei der Arbeit an einem neuen Unionsvertrag in eine Sackgasse. Jelzin, ich und andere waren Anhänger einer Konföderation, Gorbatschow wollte eine erneuerte Föderation. Als wir merkten, dass wir nicht weiterkommen, begannen wir, ein Treffen ohne Gorbatschow zu diskutieren, um unabhängiger prinzipielle Fragen besprechen zu können.

Und Gorbatschow versuchte nicht, das Treffen zu verhindern?

Er wusste nicht, dass wir uns in Weißrussland treffen. Er erfuhr es, nachdem wir das Dokument beschlossen hatten.

Aber er war doch noch Präsident der Sowjetunion?

Ja und? Ich war Präsident der Ukraine. Jelzin war Präsident Russlands. Wir waren alle gewählt.

Würden Sie sich selbst als Totengräber der Sowjetunion bezeichnen?

Das Treffen hat den Schlusspunkt unter die Sowjetunion gesetzt. Der erste Punkt des von uns unterzeichneten Dokumentes hieß: „Die Sowjetunion als geopolitisches System, als Subjekt des internationalen Rechts hört auf zu existieren.“ Totengräber der Sowjetunion war das ukrainische Volk, denn am 1. Dezember 1991 fand das Referendum statt, in dem 91 Prozent für die Unabhängigkeit stimmten. Das Volk hat mich zum Präsidenten gewählt. Ich konnte nicht anders handeln.

Heute ist die Ukraine eines der ärmsten und korruptesten Länder in Europa. Was ist schiefgegangen?

Als die Leute zum Referendum gingen, trat das Volk geeint auf. Danach stand die Frage der Errichtung der Ukraine. Nicht alle Menschen, die für die Unabhängigkeit stimmten, begriffen die Ukraine als demokratisches Land, in dem die Menschenrechte geachtet werden. Einige wollten komplett unabhängig sein. Andere, besonders im Osten, glaubten an eine Fortsetzung der Verbindung mit Russland. Als es an konkrete Aufgaben in Wirtschaft, Regierungsstruktur, Kultur und Sprache ging, liefen die Sichtweisen auseinander. Der Osten und der Westen der Ukraine haben unterschiedliche Sichten.

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