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Hintergrund : Thanatologe ermutigt zum Abschied am offenen Sarg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Bestatter und Thanatologe Joerg Vieweg aus Rellingen ermutigt zum Abschied am offenen Sarg. Das sei auch dann möglich, wenn der Leichnam zunächst entstellt sei, sagte Vieweg. „Durch eine Rekonstruktion ist es in 95 Prozent aller Fälle möglich, die Leiche aufzubahren.“ Der Experte hat u.a. die Leiche des ehemaligen Nationaltorhüters Robert Enke rekonstruiert, nachdem sich der Sportler im November 2009 das Leben genommen hatte. Er wurde von einem Zug erfasst und tödlich verletzt.

„Die Abschiedname am offenen Sarg ist umso wichtiger, je akuter, plötzlicher und je jünger ein Mensch gestorben ist“, sagt der Bestatter. Trauerpsychologisch sei es wichtig, den Leichnam noch einmal berühren zu können, um wirklich zu begreifen, dass der Mensch tot sei. „Noch vor 100 Jahren war das Abschiednehmen am offenen Sarg ein fester Bestandteil der Abschiedskultur.“ In der Nachkriegszeit sei dieses Ritual aus der Mode gekommen, obwohl es nachweislich helfe, den Toten gehen zu lassen.

„Besonders ein Kind gehört nicht in die Kühlung“, kritisierte Vieweg Kollegen, die eine Aufbahrung nicht möglich machen. Er hat schon Leichen rekonstruiert, die von einem schweren Laster überrollt wurden oder nach mehreren Tagen auf einer Fußbodenheizung leicht mumifiziert waren. „Ich bin dafür, immer erst zu schauen, ob eine Rekonstruktion möglich ist.“

Nach den Worten des ausgebildeten Krankenpflegers und ehemaligen Notfall- und Rettungssanitäters sind es nicht immer dramatische Fälle, die er wieder rekonstruiert, um sie für eine Aufbahrung zu Hause, im Bestattungsinstitut oder in einer Kirche vorzubereiten. Manchmal sind es lange und schwer erkrankte Personen, die beispielsweise aufgrund einer Chemotherapie oder einer Autoimmunerkrankung extrem stark verändert sind.

„Oft hören wir den Ratschlag, als Angehöriger auf die offene Abschiednahme zu verzichten und lieber den Verstorbenen so in Erinnerung zu behalten, wie er im Leben war“, so Vieweg. „Das ist aber nach psychologischen Untersuchungen nicht nur falsch, sondern kann sogar zu unüberwindbaren Trauerbarrieren führen.“ Es gebe eigentlich kaum Grenzen, eine Leiche wieder herzurichten. „Das ist eine Frage des Aufwandes.“ Nur wenn ein Körper beispielsweise über Wochen im Wasser gelegen oder in einem Baum gehangen hat, kann auch Vieweg nicht mehr helfen.

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