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Der Dokumentarfilmregisseur Dieter Schumann vor 20 Jahren mit Silly-Fans  und Ritchie Barton bei den Dreharbeiten. Kewitz
Der Dokumentarfilmregisseur Dieter Schumann vor 20 Jahren mit Silly-Fans und Ritchie Barton bei den Dreharbeiten. Kewitz

Mit seinem jüngsten Film über "Die Frauen Gottes" hat sich für den Dokumentarfilmregisseur Dieter Schumann ein Lebenskreis geschlossen: 1953 kam er in der Kinderklinik des Stifts Bethlehem in Ludwigslust zur Welt. Für den Film über die letzten Diakonissen Mecklenburgs kehrte er noch einmal dorthin zurück. Heute zeichnet ihn der Landkreis Ludwigslust mit dem Ludwig-Reinhard- Kulturpreis aus. Ein kleiner Preis, den Schumann durchaus als großes Kompliment auffasst.

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27. November 2008, 09:41 Uhr

Ludwigslust | Mit seinen Filmen gibt der Dokumentarist Dieter Schumann den Menschen seiner Heimat ein Gesicht: dem "Bäcker mit Laib und Seele" und dem letzten Schleusenwart, dem Bürgermeister aus Übersee, dem Inselwirt, dem Schmied oder der letzten Vergolderin aus Grabow.

Seit 2004 sind 14 Filme in der Reihe "Mecklenburger Profile" entstanden. Der NDR sendet die Fünfzehnminüter zwei bis viermal im Jahr, immer samstags um 18 Uhr. "Für dieses kleine dokumentarische Format ein wahnsinnig guter Sendeplatz", sagt Schumann. Der offenbar gerechtfertigt ist. Die Einschaltquoten liegen zwischen sieben und 13 Prozent.

Große Nähe zu seinen Filmhelden Nicht ganz unschuldig an der NDR-Reihe ist Gerd Schneider, der Gründungsdirektor des Senders in MV. "Wir haben sie zusammen entwickelt", sagt Schneider, der heute Abend bei der Preisverleihung in Ludwigslust die Laudatio auf den Filmemacher halten wird. Schneider wird dabei auch seine grauen Haare nicht unerwähnt lassen, die er "diesem widerspenstigen Geist" zu verdanken habe. Schumann freut sich ehrlichen Herzens über den Preis, sieht ihn als "großes Kompliment" für seine Suche nach authentischen Lebensgeschichten an.

Auch sein fast einstündiger Film "Die Frauen Gottes" war zu Ostern im NDR zu sehen. Darin hat der heute 55-Jährige den letzten Diakonissen Mecklenburgs ein wahrhaft anrührendes Denkmal gesetzt.

Bis heute glaubt der vierfache Vater, der als Kind zweimal totkrank war, dass ihn nur der hingebungsvolle Einsatz der Ordensschwestern im Kinderkrankenhaus des Stifts Bethlehem überleben ließ. "Die abendlichen Gesänge der Schwestern sind eine meiner intensivsten Kindheitserinnerungen. Als ich dann 2003 in der Ludwigsluster Stiftskirche zufällig auf eine sehr betagte Diakonissin traf, begriff ich, dass hier eine Ära zu Ende geht. Und ich wollte, dass dies nicht unbemerkt bleibt."

"Seine Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass er große Nähe zu seinen Filmhelden herstellt. Man spürt die Zuneigung und den Respekt", sagt Schneider über Schumann. Diese Nähe unterscheidet sich deutlich von den inzwischen so populären Reality-Formaten der Fernsehwelt: "Ich beraube meine Protagonisten ja nicht jeglicher Intimität, um sie im Dienste einer vermeintlichen Popularität zu vermarkten", sagt Schumann. Sie unterscheidet sich aber auch vom journalistischen Blickwinkel: "Ich berichte nicht über Menschen, sondern lasse sie über sich selbst reden."

Und wie stellt der Regisseur die Nähe zu ihnen her? "Man braucht viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Man muss zuhören, neugierig bleiben und darf nie zynisch werden." Trotzdem erlebt Schumann immer wieder: "Wenn die Kamera dazukommt, sind die Leute erst einmal wie ausgewechselt."

Davon ist er, der Profi, allerdings selbst nicht ganz frei. Beim Fototermin in seinem Arbeitszimmer lächelt der Filmemacher, der vor dem Studium an der Filmhochschule Babelsberg zu See fuhr, ein wenig gequält. Und fragt ein wenig verunsichert: "Oder soll ich mich erst noch kämmen?"

"flüstern und Schreien" wurde zur LegendeErinnerungen - auch für einen Dokumentarfilmer sind das nicht nur bewegte Bilder. Ein Stapel Schwarzweißfotos liegt auf Schumanns Schreibtisch. Bilder von den Dreharbeiten zu seinem legendären Rockfilm "flüstern und Schreien" (1988), der vom Lebensgefühl junger Menschen handelt, die in den Hinterhöfen des DDR-Systems nach eigenen Wegen in der Musik und im Leben suchten. "Heute weiß ich, diese Suche nach Werten und dem persönlichen Lebensentwurf ist der rote Faden, der alle meine Filme verbindet."

Felsenfest überzeugt, für das Richtige zu kämpfen1994 hat Schumann im Auftrag von ORB und MDR eine Fortsetzung von "flüstern und Schreien" gedreht. Um zu zeigen, was aus den Bands der Punkrockszene geworden ist. Die Fortsetzung war längst nicht so erfolgreich. Und auch ein wenig desillusionierend. Über die "neue Zeit" sagt einer der ehemaligen Punks: Im Unterschied zur DDR sei das neue System unanfechtbar, weil es auf Geld gebaut ist. Selbst der Protest werde absorbiert und vermarktet - und damit zum Bestandteil des Systems.

"Schumann hat Ecken und Kanten", sagt Schneider. "Der lässt sich seine Überzeugung nicht abkaufen, kämpft in seinen Filmen um jede Einstellung und versucht manchmal sogar, die Naturgesetze zu überwinden, indem er felsenfest behauptet, dass in einen Einstundenfilm auch 62 Minuten hineinpassen."

Es ist auch vorgekommen, dass sich Schumanns felsenfeste Überzeugung, für das Richtige zu kämpfen, in ihr Gegenteil verkehrt hat. Als langjähriger Geschäftsführer des Landesfilmzentrums verfolgte er große Visionen. Doch das Landesfilmzentrum Wismar floppte nach seinem Weggang. Er ist noch heute überzeugt, richtig gehandelt zu haben: "Als ich die Geschäftsführung abgegeben habe, war noch alles in Ordnung."

Die Filmemacherszene in MV ist heute ziemlich zerstritten. Das Filmkunstfest, das Schumann einst mitbegründete, hat sich mit einer eigenen GmbH abgespalten. Wismar veranstaltet ein eigenes Filmfest. Und Schumann konstatiert nüchtern: "Die Kompetenzen der Filmförderung sind zersplittert. Das ist eigentlich tragisch. Und unproduktiv für die Filmproduzenten."

Er selbst hat dennoch große Pläne. Derzeit arbeitet der Regisseur an einer Langzeitdokumentation über die Werften in Wismar und Warnemünde, die unlängst an eine russische Investmentgesellschaft verkauft wurde. Auch den 45-jährigen Oligarchen Andrej Bolakov hat Schumann schon getroffen. Und gefilmt.

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