"Stehen noch immer am Rande der Gesellschaft"

Ahmed Maher Fakhouriml
Ahmed Maher Fakhouriml

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17. September 2012, 08:00 Uhr

Die Bundesregierung will gegen das anti-islamische Internetvideo vorgehen, um die Welle der Gewalt nicht nach Deutschland überschwappen zu lassen. Was halten Sie von diesem Anti-Islam-Film?

Fakhouri: Ich habe ihn nicht gesehen und ich bin mir ziemlich sicher, dass 99,9 Prozent der Menschen, die jetzt Krawall machen, ihn auch nicht kennen. Doch nach allem, was ich darüber vernommen habe, kann ich den Film nur als Provokation verstehen.

Rechtfertigt das die Gewaltwelle im Nahen Osten?

Das macht mich sehr wütend, weil es einen dunklen Schatten über unsere Religion legt. Sie müssen verstehen, dass einige wenige Extremisten diese Situation ausnutzen und die Mehrheit dort anstacheln und leider gelingt ihnen das auch manchmal. Ich finde, dass jetzt auch muslimische Staaten in der Pflicht sind. Im Koran ist mehrfach betont, dass man sich an Abkommen halten muss. Die Botschaften hätten beschützt werden müssen, wie es vereinbart war. Wir sind keine Gewalt liebenden Menschen, auch wenn es wieder einmal so aussieht.

Also sind die Unruhen aus der religiösen Perspektive falsch?

Aus religiöser, aus politischer und aus rechtlicher Sicht. Und aus meiner persönlichen ebenso.

Ein anderes Thema. Hamburg will als erstes Bundesland einen Vertrag mit Muslimen und Aleviten schließen, der Rechte und Pflichten enthält: Schüler und Angestellte sollen beispielsweise an islamischen Feiertagen frei bekommen. Was halten Sie von dem Hamburger Regelwerk?

Vor ein paar Monaten habe ich einen Entwurf zu Gesicht bekommen und ich finde diesen Vertrag großartig, für die Stadt und für die dort lebenden Moslems.

In Mecklenburg-Vorpommern leben rund 5000 Moslems. Wäre so ein Vertrag auch für unser Bundesland wünschenswert?

Auf jeden Fall. Aber wir sind hier noch Lichtjahre von einer solchen Annäherung entfernt. Weil wir nicht so organisiert und weil wir viel weniger Gläubige sind. Auch die Beziehungen zwischen Landesregierung und uns Gläubigen sind durch den Verfassungsschutz eher als angespannt zu bezeichnen.

Wie meinen Sie das?

Ich sehe das zur Zeit so, dass wir leider noch immer am Rande der Gesellschaft stehen. Nicht, dass wir nicht akzeptiert und toleriert werden, aber wir werden auch nicht wahrgenommen. Wir sind deutsche Moslems, also wir verstehen uns als deutsche Bürger. Meine Frau ist eine zum Islam konvertierte Deutsche und mein Sohn ist auch ein Mischling. Wir leben hier.

Und sind unsichtbar?

Sozusagen.

Was würde ein Vertrag bringen?

Wir würden uns einmal ins Licht stellen, stellvertretend für alle hier lebenden Moslems, und sagen, dass wir dazu gehören und dass wir uns hier wohl fühlen: mit der Demokratie und den Menschenrechten und der Toleranz. Mit unseren Nachbarn. Wir könnten dann laut sagen, dass wir keine Verbrecher sind, die im Heimlichen irgendetwas machen. Ich würde gern mit der Landesregierung über einen solchen Vertrag reden.

Wann haben Sie mit einem Vertreter der Landesregierung zum letzten Mal gesprochen?

Bei einer Infoveranstaltung mit Sozialministerin Manuela Schwesig, als es vor einigen Wochen um das Thema Beschneidungen ging. Das Kuriose war, dass die Ministerin erst in Köln beim Zentralrat der Muslime in Deutschland nachgefragt hat. Dort hat man mich dann als Kontakt angegeben und erst dann bekam ich den Anruf aus Schwerin. Ich bin aber seit mehr als zehn Jahren hier in Rostock.

Was können die Menschen hier von den Moslems lernen?

Dass ihre Ansichten nichts in Stein Gemeißeltes sind. Dass es andere Kulturen gibt, die einem neue Perspektiven geben und aufzeigen können. Solche Dinge sollten in einer pluralistischen, westlichen Welt doch äußerst wertvoll sein, oder nicht?

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