Spektakulärer Bayern-Coup: Klinsmann wird Hitzfeld-Nachfolger

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11. Januar 2008, 03:50 Uhr

München - Mit der spektakulären Verpflichtung von Jürgen Klinsmann hat Bundesliga-Herbstmeister Bayern München überraschend schnell die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld geregelt und den früheren Nationaltrainer nach Deutschland zurückgeholt. Vom 1. Juli an soll der derzeit noch in Kalifornien lebende Kosmopolit für zunächst zwei Jahre das Star-Ensemble des deutschen Fußball-Rekordmeisters führen. Der 43-Jährige übernimmt dann 24 Monate nach seinem letzten Auftritt als DFB-Coach bei der Weltmeisterschaft in Deutschland erstmals das Traineramt bei einem Verein. Nach der WM war der 108-malige Nationalspieler, der als Spieler von 1995 bis 1997 bei den Münchnern unter Vertrag stand und Meisterschaft sowie UEFA-Cup gewann, unter anderem als Auswahltrainer in den USA, England und als Coach beim FC Chelsea im Gespräch - nun sagte er sensationell beim FC Bayern zu. 2
Schon vor der offiziellen Vorstellung bei riesigem Medienandrang und Live-Übertragungen mehrerer TV-Sender war Bayern-Manager Uli Hoeneß der Stolz über den gelungen Coup deutlich anzusehen. „Wir wollten vor dem Trainingslager Ruhe haben“, begründete er die schnelle Entscheidung über den Zweijahresvertrag für Wunschtrainer Klinsmann. „Wir haben immer gesagt, den, den wir haben wollen, kriegen wir auch.“ Als Hauptdarsteller das Tages hatte Klinsmann bereits bei seiner Landung am Münchner Flughafen ein Blitzlichtgewitter erlebt.

„Das ist eine absolut gute Wahl. Wir sind froh, dass Jürgen Klinsmann unser neuer Trainer wird“, kommentierte WM-Torschützenkönig Miroslav Klose. „Er weiß, wie die Spieler sich fühlen. Er war selber ein großer Spieler. Das ist seine große Stärke“, sagte Bastian Schweinsteiger. Bundestrainer Joachim Löw freut sich auf eine gute Zusammenarbeit mit dem früheren WM-Weggefährte und erwartet ein „spannendes Projekt“.

Für den Bayern-Job muss Klinsmann auch seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Deutschland verlegen. Als Nationalcoach hatte Klinsmann sein US-Domizil mit Ehefrau Debbie und den zwei Kindern auch aus familiären Gründen als Rückzugsort beibehalten und war dafür mehrfach - gerade auch von den Verantwortlichen des FC Bayern - scharf kritisiert worden. Der deutsche Branchenprimus und Klinsmann waren sich schon zu Zeiten des Spielers Klinsmann nicht immer grün, die Streitigkeiten aus der Vergangenheit dürften aber beigelegt sein. Beide Seiten gehen mit dem hochinteressanten Projekt dennoch ein Wagnis ein.

„Ich freue mich auf die Zeit mit Jürgen Klinsmann. Ich finde die Entscheidung nicht mutig, sondern klug und durchdacht“, sagte Bayern- Präsident Franz Beckenbauer der „Bild“-Zeitung. Der am Saisonende ausscheidende Hitzfeld gratulierte: „Glückwunsch an Bayern München. Das ist eine erstklassige Lösung. Jürgen Klinsmann ist ein hervorragender Trainer, ein großer Motivator.“

Der Bayern-Coup überraschte nicht nur die Bundesliga. Selbst Klinsmanns Mutter Martha war völlig perplex. „Nee, das habe ich noch nicht gewusst. Ach du scheiße“, sagte sie dem Sender „Hit-Radio Antenne 1“ in ihrer Stuttgarter Bäckerei.

Klinsmann kommt nach dem dritten Platz bei der Heim-WM 2006 und einer Erholungspause mit viel Rückenwind zum FC Bayern und dürfte für den Club keine billige Lösung sein. Nachdem die Münchner für die laufende Saison über 80 Millionen Euro für neue Spieler ausgaben, setzten sie nun auch die große Lösung auf dem Trainerposten um.

Mit Spannung wird nicht nur das sportliche Abschneiden und das Umsetzen der Spielphilosophie des oftmals eigenwilligen Klinsmanns verfolgt werden, sondern auch, wie die Zusammenarbeit mit der machtbewussten Führungsriege um den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, Manager Uli Hoeneß sowie den omnipräsenten Beckenbauer funktioniert. Der FC Bayern dürfte mit Klinsmann auch als Verein eine Zäsur erleben.

Das Verhältnis von Klinsmann zu den Münchner Bossen war schon immer eine spannende Beziehung, bereits zu Spielerzeiten - wenngleich hier der Konflikt mit Lothar Matthäus für weit mehr Brisanz sorgte. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Bundestrainer war Klinsmann wiederholt extrem stark vom damaligen WM-Chef Beckenbauer oder Hoeneß attackiert worden. Andererseits hatte ausgerechnet Hoeneß dem Nationalcoach nach dem 1:4 Anfang März 2006 gegen Italien in Florenz, als der Druck auf den Schwaben extrem zunahm, den Rücken gestärkt.

Für Hitzfeld wird durch die Verpflichtung von Klinsmann der Erfolgdruck noch größer, denn der frühere Stürmer wäre im Falle einer Misserfolgs-Serie des FC Bayern zum Rückrundenstart Anfang Februar prinzipiell auch sofort verfügbar. Probleme mit Oliver Kahn, den Klinsmann vor der WM 2006 um seinen Status als nationale Nummer 1 brachte oder den von ihm geschassten Torwarttrainer Sepp Maier dürfte es nicht geben, weil beide zum Saisonende aufhören. Kahn mochte die Verpflichtung nicht direkt kommentieren, sagte aber auch: „Eigentlich war er ja gar kein Trainer, sondern er hat die Nationalmannschaft trainiert. Im Vereinsfußball hat er noch keine Erfahrungen gesammelt.“

Seine Bilanz als Nationalcoach ist glänzend. Mit offensivem Fußball erreichte er in 34 Spielen 21 Siege, 7 Remis und musste nur 6 Niederlagen einstecken. Die Torbilanz: 81:43. Für Klinsmann spricht zudem, dass er aus seiner Zeit als Profi im Ausland sprachgewandt ist und mit neuen Bayern-Stars wie Luca Toni oder Franck Ribéry kommunizieren kann. Als einst eigenwilliger Profi weiß er, wie Stars ticken. Klinsmann trifft zudem auf etliche seiner WM-Akteure wie Klose, Schweinsteiger, Philipp Lahm, Lukas Podolski oder Marcell Jansen.

In seiner aktiven Zeit beim FC Bayern schoss Klinsmann das Team 1996 mit 15 Toren zum UEFA-Cup-Gewinn, insgesamt gelangen ihm 31 Treffer in 65 Bundesligaspielen. Am meisten in Erinnerung blieb ein anderes Bild: Der Tonnentritt im Olympiastadion nach einer Auswechslung durch den damaligen Bayern-Coach Giovanni Trapattoni.

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