Firmenpleite : „Sonnenfinsternis“ bei First Solar

Dietmar Bader steht  vor dem Werk von First Solar. Vor einem Jahr wurden zwei Werke dichtgemacht - rund 1200 Mitarbeiter standen auf der Straße.
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Dietmar Bader steht vor dem Werk von First Solar. Vor einem Jahr wurden zwei Werke dichtgemacht - rund 1200 Mitarbeiter standen auf der Straße.

Dietmar Bader ist jetzt Hausmann. Bis vor einem halben Jahr kurvte der Ingenieur mit einem Fahrrad durch die Hallen von First Solar. Als Gruppenleiter habe er 35 Mitarbeiter in der Zellen-Fertigung des Solar-Unternehmens betreut - bis zum Schluss.

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30. Dezember 2013, 07:41 Uhr

Dietmar Bader ist jetzt Hausmann. Bis vor einem halben Jahr kurvte der Ingenieur mit einem Fahrrad durch die Hallen von First Solar in Frankfurt (Oder). Er sei auf das Rad umgestiegen, weil er täglich bis zu 15 Kilometer auf Achse gewesen sei, erinnert sich der 57-Jährige. Als Gruppenleiter habe er 35 Mitarbeiter in der Zellen-Fertigung des Solar-Unternehmens betreut - bis zum Schluss.

Ende 2012 gingen in den beiden Oder-Werken des US-amerikanischen Solarmodulherstellers die Lichter aus. Bis zum Sommer 2013 wickelten Bader und einige Kollegen den Betrieb ab. Dann mussten auch sie gehen. Rund 1200 Beschäftigte standen auf der Straße. „Mir hat die Arbeit Spaß gemacht. Ich dachte, das mache ich bis zur Rente.“ Nun kümmert sich Bader vormittags um den Haushalt, danach schreibt er Bewerbungen. Der Familienvater sucht bundesweit nach einer neuen Arbeit. „Aber ich versuche, hier in der Region zu bleiben.“ Der Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder) zufolge haben vom 1. Januar bis 13. Dezember 2013 insgesamt 335 ehemalige Mitarbeiter von First Solar eine neue Stelle oder einen Studienplatz gefunden.

Nicht eingerechnet seien die Beschäftigten, die sich schon vor der Werksschließung einen Job gesucht hätten, sagt die Sachbearbeiterin Friederike Gramke. Rund 60 Prozent der früheren Angestellten könnten in Brandenburg bleiben; je 10 Prozent versuchten ihr Glück in Berlin und Bayern; der Rest verteile sich auf verschiedene Bundesländer. „Wir haben noch Mitarbeiter in der Transfergesellschaft“, ergänzt Gramke. Die Gesellschaft läuft bis Ende Februar 2014. Bundesregierung und EU steuern darüber hinaus 4,6 Millionen Euro vor allem für Weiterbildungsmaßnahmen bei. Wenn er sich im Kreis seiner ehemaligen Kollegen umhöre, falle auf, dass besonders die Frauen aktiv seien, sagt Bader. Sie schulten zum Beispiel auf Altenpflegerin um.

Er selbst war seit Februar 2007 bei First Solar - nachdem er schon mehrere Jobs gehabt hatte. Zuerst sechs Wochen zum Einarbeiten in den USA, dann ging es als Gruppenleiter an den Standort Frankfurt. „Es war mühsam, aber es war schön. Ich hatte vergessen, wie viel Spaß es macht, Mitarbeiter anzuleiten.“

Dann platzte 2012 die Nachricht herein, dass beide Werke schließen sollten. „Das hat keiner so richtig verstanden“, sagt Bader. Es sei alles so widersprüchlich gewesen, denn von First-Solar-Standorten in anderen Ländern seien keine schlechten Nachrichten gekommen. Am letzten Tag seien in der Belegschaft Tränen geflossen.

Er und einige andere Kollegen hätten in den Folgemonaten Maschinen und Infrastruktur demontiert - bis zum letzten Kabel, erzählt Bader. „Deshalb rechne ich nicht mehr damit, dass dort Solarproduktion stattfindet.“ In einer der Hallen stünden Maschinen aus Malaysia. Doch was aus den beiden Werken wird, ist unklar.

Bisher sei nicht der „große Wurf“ in Sicht, stellt eine Sprecherin des Brandenburger Wirtschaftsministeriums fest. First Solar hält sich bedeckt. Der Geschäftsführer des Investor Centers Ostbrandenburg, Markus Kappes, berichtet, dass es zwar Interessenten und Verhandlungen gebe, aber bisher nichts Konkretes. Auch die IG Metall Ostbrandenburg weiß von keinem Investor. Der erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft, Peter Ernsdorf, hält die Schließung des Standortes nach wie vor für einen Skandal.

Die Solarindustrie in Deutschland steckt seit einigen Jahren in der Krise. Die Gründe sind Überkapazitäten und die Billigkonkurrenz in Asien. Erst Mitte Dezember beantragte die Freiburger Solarstrom AG Insolvenz. Frankfurt (Oder) hat sich als Standort als schwierig erwiesen. Im Dezember wurde bekannt, dass der chinesische Modul-Hersteller Astronergy die Frankfurter Modulfabrik der insolventen Firma Conergy erwirbt. 70 Stellen gehen verloren. Odersun mit 260 Beschäftigten hatte bereits Mitte 2012 dichtgemacht.

Wenn es gelinge, die noch vorhandenen Arbeitsplätze in der Solarbranche in Frankfurt (Oder) und in Brandenburg zu erhalten, könne sich in der Region noch etwas entwickeln, hofft Ernsdorf. Denn es sei davon auszugehen, dass der Markt anziehe. „Jetzt aber ist da schon mächtig Sonnenfinsternis.“

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