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19. November 2017 | 19:06 Uhr

"Sicherheit ist unteilbar"

vom

svz.de von
erstellt am 09.Mär.2012 | 10:44 Uhr

Berlin | Eine grundlegende Überprüfung aller 143 Atomanlagen in der Europäischen Union ist ein Gebot der Stunde, sagte unser Gastautor, EU-Energiekommissar Günther Oettinger:

Die Fukushima-Katastrophe hat Europa schockiert. Nur wenige Staaten haben sich von der Kernkraft verabschiedet. Aber wie sicher sind die europäischen Meiler? Künftig sollen für alle Kernkraftwerke die gleichen höchsten Sicherheitsstandards gelten, erklärt EU-Energiekommissar Günther Oettinger in einem Gastbeitrag für unsere Zeitung:

"Ich kann mich noch sehr genau an den Moment erinnern, als ich vor einem Jahr von der verheerenden Naturkatastrophe in Japan und dem Reaktorunglück in Fukushima erfuhr. Damals schoss mir sofort ein Gedanke durch den Kopf: Wenn Japan mit den Konsequenzen so extremer Naturkatastrophen nicht gerechnet hat, wie sieht es mit den Atomanlagen in der Europäischen Union aus?

Fukushima hat klar gemacht: Eine grundlegende Überprüfung aller 143 Atomanlagen in der Europäischen Union ist ein Gebot der Stunde. Denn nukleare Sicherheit, egal wie man zur Atomkraft eingestellt ist, muss für alle Europäer oberste Priorität haben. Ich habe daher die Idee, alle Atomkraftwerke einem europaweiten "Stresstest" zu unterziehen, unverzüglich aufgegriffen und vorangetrieben.

Die Unterstützung war enorm: Auf der ersten Stresstest-Konferenz, die keine vier Tage nach dem Reaktorunglück stattfand, signalisierten Energie-Unternehmen wie EON, RWE oder AREVA genauso ihre Unterstützung wie die nationalen Behörden, die für Reaktorsicherheit verantwortlich sind. Keine zwei Wochen beschlossen die 27 Staats- und Regierungschefs, dass alle 143 AKWs in der EU einem Stresstests unterzogen werden sollen.

Zum allerersten Mal sind wir Europäer die Überprüfung unserer Atomkraftwerke gemeinsam angegangen - mit gemeinsam entwickelten Prüfkriterien, mit gleichen Stand ards und mit multinationalen Prüferteams. Voraussichtlich im Mai oder Juni werden wir unseren Bericht vorlegen. Das Ziel ist klar: Wir wollen für alle Atomkraftwerke die gleichen höchsten Sicherheitsstandards, egal wo sie sich in der Europäischen Union befinden. Denn die Folgen eines Reaktorunglücks machen nicht an nationalen Grenzen halt. Sicherheit ist unteilbar.

Insgesamt besteht der Stresstests aus drei Phasen: In der ersten Phase wurden die AKW-Betreiber aufgefordert, einen Fragenkatalog zu beantworten, in der zweiten Phase wurden die Antworten von der jeweiligen nationalen Atomaufsichtsbehörde geprüft. In der dritten Phase - die gerade läuft - werden alle Angaben noch einmal von Experten aus anderen Ländern gegengeprüft. Dass diese das dürfen - und selbst in den Atomkraftwerken vor Ort Prüfungen vornehmen dürfen - ist ein absolutes Novum und beschreibt die wirklich europäische Dimension des Stresstests. Denn der Sicherheitscheck von bestehenden Atomkraftwerken war und ist eine mitgliedstaatliche Kompetenz.

Was prüfen wir? Wir legen die Messlatte für jeden Sicherheitsaspekt höher als in der Vergangenheit. Denn Fukushima hat gezeigt, dass Risikoeinschätzungen aus der Vergangenheit nicht unbedingt korrekt sein müssen. So war die Mauer um den Reaktor Fukushima Daiichi nur auf einen Tsunami von rund 4 Metern Höhe ausgelegt. Als der Tsunami aber kam, war er 14 Meter hoch. Die Folgen waren katastrophal. Daher muss ein Atomkraftwerk in der EU nun nachweisen, dass es deutlich höhere Standards erreicht als jene, für die es einmal eine Zulassung bekommen hat. Beispiel Erdbeben: Konnte ein AKW in der Vergangenheit nachweisen, dass es ein Erdbeben der Stärke 3 auf der Richterskala überstehen kann, muss es heute nachweisen, dass es auch die Stärke 5 unbeschadet überlebt. Dasselbe gilt für extreme Temperaturen, Stürme oder Überflutungen. Daneben prüfen wir, ob ein Kernkraftwerk einem Flugzeugabsturz standhalten kann. Egal, ob es sich um einen Unfall handelt oder der Pilot gezielt in den Meiler hineinsteuert. Die Gefahr von Terroranschlägen wird gesondert unter die Lupe genommen. Feuerwehr, Polizei oder Spezialkräfte in den Mitgliedstaaten brauchen im Fall eines Reaktorunglücks nationale Notfallpläne, die mit den europäischen Nachbarn abgestimmt sind. Aufbauend auf den Ergebnissen des Stresstests werden wir im Herbst einen Gesetzesvorschlag vorlegen, der einheitliche europäische Mindest-Sicherheitsstandards für die Auslegung und die Lizenzvergabe von Atomkraftwerken vorsieht. Ich bin mir sicher, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind und für noch höhere Sicherheitsstandards sorgen können."

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