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22. Oktober 2017 | 21:25 Uhr

Kommentar : Schwieriger Drahtseilakt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wieder ein feiger Anschlag im Herzen von Istanbul, wieder Tod, Verletzte, sinnlose Verwüstung. Getroffen hat es Menschen, die zumindest Silvester einmal unbeschwert feiern und dabei womöglich einfach nur den Schrecken des Jahres 2016 in der Türkei vergessen wollten. Noch wird spekuliert über Täter, Hintermänner und Drahtzieher, doch die Attacke wirkt wie ein Fanal für das Land im neuen Jahr. Nirgendwo in der Türkei kann Sicherheit derzeit garantiert werden. Polizei, Geheimdienst und Armee scheinen der Bedrohung in den großen Metropolen nicht mehr Herr zu werden. Die Entwicklung ist womöglich auch eine Folge der „Säuberungen“, mit der Präsident Recep Tayyip Erdogan und die Regierung nach dem gescheiterten Putsch begonnen hatten. Der Sicherheitsapparat ist im Umbruch und hat Mühe mit der Doppelbedrohung durch die Radikal-Islamisten des IS und durch kurdische Kämpfer. Die Zuspitzung lässt erahnen, dass Erdogan hinter der Fassade des vermeintlich Starken schwächer ist als oft angenommen. Der Westen tut gut daran, Menschenrechtsverletzungen, Repression und andere rechtsstaatlichen Defizite in der Türkei offen anzuprangern. Er darf aber auch nicht schweigen, wenn es darum geht, terroristische Anschläge zu verurteilen. Ein schwieriger Drahtseilakt ist das. Es gilt, die Gesprächsfäden mit Ankara nicht abreißen zu lassen, ohne der Regierung alles durchgehen zu lassen. Europa kann kein Interesse daran haben, dass ein Schlüsselstaat wie die Türkei weiter in Chaos, Rechtlosigkeit und Gewalt verfällt und sich politisch immer weiter vom Westen entfernt und Russland annähert. Schon jetzt steht das Land am Rande eines großen Bürgerkriegs. Der Anschlag wirkt jedenfalls wie ein weiterer Schritt in diese Richtung.

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