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21. November 2017 | 07:24 Uhr

Schutzengel für zwei Sonntagskinder

vom

svz.de von
erstellt am 08.Feb.2012 | 07:50 Uhr

Neubrandenburg | Als Dr. Katy Roterberg sich am Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum bewarb, ahnte sie nicht, welche besondere Herausforderung auf sie wartete. Diese hatte nichts mit der Position der Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe zu tun, die ab 1. Juli 2011 neu zu besetzen war. Katy Roterberg hatte sich als Brustkrebs-Spezialistin längst einen Ruf erarbeitet, der über die Universitätsklinik in Münster, ihre letzte Arbeitsstelle, hinausreichte. Auch die Region Neubrandenburg, für viele frühere Kolleginnen und Kollegen der Inbegriff der Provinz im Osten, hatte für die Ärztin, die in Ostberlin aufgewachsen ist, durchaus bekannte Reize.

Die eigentliche Überraschung war eine ganz persönliche: Fast zeitgleich mit dem Antritt der neuen Stelle merkte Katy Roterberg, dass sie schwanger war. "Mein Mann und ich hatten die Familienplanung eigentlich abgeschlossen", so die 42-Jährige. "Unsere Töchter sind schon 13 und 14 Jahre alt." Doch nun war plötzlich noch ein Geschwisterchen unterwegs - beziehungsweise, wie sich schon bald herausstellte, gleich zwei. So kam die Chefärztin schließlich als Wöchnerin zu völlig neuen Sichten auf den Betrieb in der eigenen Klinik.

Geburt am besten auf natürlichem Weg

"Hier in Neubrandenburg kommen mehr als die Hälfte aller Zwillinge auf natürlichem Weg zur Welt", so Dr. Katy Roterberg. Im vergangenen Jahr waren das 16 von 25 Pärchen - die Roterberg-Zwillinge gehörten dazu. "Ob Kaiserschnitt oder natürliche Geburt muss natürlich individuell mit jeder Frau besprochen werden", so die Chefärztin. Und natürlich gebe es immer Situationen, in denen Komplikationen bei der Geburt die OP erforderlich machten. In vielen Kliniken würde aber bei Mehrlingsschwangerschaften und Schwangerschaften mit Beckenendlage generell zur Kaiserschnitt entbindung geraten - angeblich , weil die Sicherheit für Mütter und Kinder eine größere sei. Tatsächlich birgt jedoch auch die operative Geburt vor der 39. Schwangerschaftswoche Risiken, weil es zu Anpassungsstörungen der Lungen und damit nicht selten zu erheblichen Komplikationen kommen kann. Dann zahle es sich erst recht aus, wenn es an einer Klinik wie in Neubrandenburg nicht nur eine geburtshilfliche Abteilung, sondern ein ganzes Perinatalzentrum einschließlich Neugeborenen-Intensivstation (ITS) gibt, betont die Chefärztin.

Kreißsaal-Team für Zwillinge verstärkt

Katy Roterberg hatte gehofft, dass ihre Kinder reif, also nicht vor der 37. Woche zur Welt kommen würden - doch nach 36 Wochen und zwei Tagen ließ sich die Geburt nicht mehr aufhalten. In den frühen Morgenstunden des 11. Dezember kamen Teja Johannes und Kjell Alexander zur Welt - Sonntagskinder. Und wie man es Sonntagskindern nachsagt, hatten sie ganz besondere Schutzengel: Wie bei jeder Zwillingsentbindung war das Team im Neubrandenburger Kreißsaal um eine weitere Kinderärztin und um eine weitere Säuglingsschwester verstärkt - "so kann bei Komplikationen jedes Neugeborene von seinem eigenen Team betreut werden", erläutert Oberärztin Katrin Manzke, die in jener Nacht Dienst hatte.

"In der Schwangerschaft war Teja immer mein Sorgenkind, er war der deutlich Kleinere", so Katy Roterberg. "Doch nach der Geburt war es dann der Große, der meinem Mann und mir und allen anderen im Kreißsaal einen Riesenschrecken eingejagt hat." Etwa zehn Minuten lang war alles normal, doch dann änderte sich bei Kjell die Atmung. Er konnte nicht mehr ausatmen, so dass die Gefahr einer Kohlendioxidvergiftung des kleinen Körpers bestand. Kinderärztin Katrin Manzke versuchte es erst mit einer Atemunterstützung. Als die auch nicht half, musste Kjell komplett beatmet werden. "Beim Einführen des Tubus hatte ich dann das Gefühl, dass eine Schleimfalte das Abatmen behinderte", erinnert sich die Kinderärztin.

"Als ich sah, wie es Kjell immer schlechter ging und er schließlich intubiert wurde, ratterte es nur noch in meinem Kopf", erinnert sich Katy Roterberg an diese Minuten. "Als Medizinerin wusste ich zu viel, um in so einer Situation ruhig zu bleiben." Letztlich aber musste die Wöchnerin - Chefärztin hin, Chefärztin her - zusehen, wie ihr Kind auf die Intensivstation gebracht wurde.

Und damit nicht genug: Auch Teja machte den Ärzten noch im Kreißsaal Sorgen. "Er war sehr zart - und sehr kleine Neugeborene neigen dazu, zu unterzuckern und auszutrocknen", erklärt Kinderärztin Manzke. Daher entschieden die Kinderärzte, auch den Erstgeborenen der Zwillinge auf der Intensivstation weiterzubetreuen.

Für Katy Roterberg ein zweiter Schock. Die Chefärztin musste sich von ihren Schwestern trösten lassen. "Da war ich nicht mehr Ärztin, da war ich nur noch Mutter. Und ich empfand es als ausgesprochen wohltuend, dass mich im Kreißsaal und später auch auf der ITS alle auch nur als Mutter angesprochen haben." Lateinische Worte und Fachbegriffe wären in dieser Situation wohl auch gar nicht zu ihr durchgedrungen, glaubt sie. Und ihr Mann, der kein Arzt ist, hätte sie sowieso nicht verstehen können.

Sobald es ging, ließ die Wöchnerin sich in die ITS bringen - anfangs noch im Rollstuhl. Denn ihr war klar, dass Muttermilch für ihre Söhne jetzt das Beste war. Teja kam schon nach zwei Tagen zu ihr auf die Wochenstation. Zwar musste er im Wärmebett liegen und wurde von einem Monitor überwacht - "aber er war wenigstens bei mir, mein kleiner Kumpel", sagt die Mutter. Kjell gegenüber hatte sie in diesen Tagen permanent ein schlechtes Gewissen, denn ihn sah sie nur zu den Mahlzeiten. Doch die forderte der Knirps häufig ein - "ich hatte das Gefühl, dass ich ununterbrochen nur auf den Fluren zwischen meinen beiden Jungs unterwegs war", erinnert sich Katy Roterberg. Nur wenn im Zimmer wieder ein Essenstablett auf sie wartete, hätte sie noch erkannt, wie weit ein Tag schon fortgeschritten war.

Doch die Mühe zahlte sich aus: Nach zehn Tagen auf der Intensivstation hatte sich auch Kjells Zustand so weit stabilisiert, dass er mit Mutter und Bruder nach Hause entlassen werden sollte. Die letzte Nacht im Krankenhaus war für die Drei die erste gemeinsame. "Wir bieten das den Eltern unserer ITS-Kinder generell an ", so Kinderärztin Katrin Manzke. "Denn anders als Muttis mit gesunden Kindern haben sie ja noch keine ganze Nacht gemeinsam mit dem Baby verbracht. Da tut es ganz gut, wenn ständig jemand in der Nähe ist, an den sie sich bei Problemen wenden können."

So hat es auch Katy Roterberg empfunden. "Auch wenn ich durch meine Töchter schon trainiert war, tat mir die Unterstützung doch gut." Jetzt, acht Wochen später, ist die Versorgung der Babys für Katy Roterberg längst zur Routine geworden. Beide entwickeln sich prächtig - auch wenn Kjell immer noch größer und schwerer als sein Bruder ist. Roterbergs können die eineiigen Zwillinge so wenigstens noch problemlos auseinanderhalten. Wie das später wird? "Mal sehen", schmunzelt die Mutter.

Mitte April endet die Babypause

Schon Mitte April will sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Wird die Chefärztin dann davon profitieren, dass sie ihre eigene Klinik inzwischen aus Wöchnerinnensicht kennt? "Ganz sicher, auch wenn wir wirklich sehr, sehr gut betreut worden sind. Aber ich denke, dass das Thema Stillen noch einmal beleuchtet werden sollte. Kinder- und Frauenklinik müssen da mit einer einheitlichen Sprache sprechen", deutet sie an, was sie verändern möchte. Für sie selbst gibt es nichts Besseres, als ihre Kinder zu stillen.

Generell aber sei sie mit der Betreuung sehr zufrieden gewesen. "Schnelle Entscheidungen in kritischen Situationen und eine Wohlfühl-Atmosphäre haben mir ein Gefühl der Sicherheit gegeben", so Katy Roterberg.

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