Schuften bis zur letzten Minute

Vorerst letzte Schicht im in die Pleite gerutschten CD-Werk Dassow: Nach zehn Jahren Fertigung und monatelangen, aber bisher gescheiterten Kaufverhandlungen stellte das Unternehmen gestern vorerst die Produktion ein. Das Warten auf einen Investor geht in die letzte Runde. Im einstigen Vorzeigeunternehmen machen sich Zweifel und Hoffnung breit.

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29. Februar 2008, 10:39 Uhr

Grevesmühlen/Dassow - Nach der letzten Schicht wurde die Produktion vorerst eingestellt. Die noch 500 im Werk Beschäftigten werden zunächst in die Auffanggesellschaft wechseln müssen. Noch sei keine Einigung über ein vorliegendes Pachtkonzept zur Weiterführung des Werkes erreicht worden, begründete Insolvenzverwalter Marc Odebrecht gestern auf einer Belegschaftsversammlung in Dassow den Schritt. Am Wochenende wolle die britische Spin-Gruppe ihr Angebot präzisieren. Man „sei ganz nah dran“. Bislang blieb Spin einen fundierten Finanzplan schuldig. Komme eine Einigung zustande, könnten 300 Mitarbeiter ab kommende Woche die Produktion fortführen. Damit solle eine Zwischenlösung bis zum Einstieg des dänischen Investors Dicentia – dem nach eigenen Angaben größten Anbieter digitaler Medien in Nord-Europa – erreicht werden. Darüber werde bis Ende März eine Entscheidung erwartet, kündigte Odebrecht an. Am Abend hatte der Gläubigerausschuss erneut über das Pachtangebot beraten.

Am Rande der Belegschaftsversammlung sorgte der Auftritt des NPD-Fraktionschefs Udo Pastörs für Aufsehen. Er wollte an dem Personaltreffen teilnehmen, wurde aber mit Rufen aus der Belegschaft wie „Nazis raus“ des Saales verwiesen.
Das Unternehmen mit einst 1100 Beschäftigten war nach zehn Jahren Produktion im Oktober vergangenen Jahr in Insolvenz gegangen. Zu der Pleite sollen Managementfehler geführt haben. Mit Unterstützung des Landes war für die Belegschaft eine Transfergesellschaft gegründet worden. Nach dem Zusammenbruch war das Land wegen der Zahlung von 33 Millionen Euro Investitionsförderung in die Kritik geraten. Die Beihilfen sollen gezahlt worden sein, obwohl bereits vor Jahren vor den Geschäftsgebaren im Unternehmen gewarnt worden sein soll, kritisierte die Opposition.

Gedrückte Stimmung in der Belegschaft . Bis gestern haben die Beschäftigten der einst größten CD-Schmiede in Europa die letzten Aufträge abgearbeitet – schuften bis zur letzten Minute. Noch immer tragen sie ihre ODS-Firmenkluft, als sie mit hängenden Köpfen die gestern angesetzte Belegschaftsversammlung verlassen. Kein Wunder. Die Botschaft von Insolvenzverwalter Marc Odebrecht ist niederschmetternd: Im CD-Werk ist gestern die Produktion eingestellt worden. Zu hoch seien die Verluste gewesen – vier Millionen Euro seit Dezember. Gleichzeitig sei es nicht gelungen, einen Kaufvertrag mit einem Interessenten abzuschließen.

Im einstigen Vorzeigebetrieb gehen vorerst die Lichter aus
„Hier gibt es wohl keine Zukunft mehr“, meint Reiner Mahlke, als er zusammen mit mehr als 300 Kollegen zum Personaltreffen geht. Mahlke ist der Einzige, der an diesem vorerst letzten Tag im CD-Werk Dassow das ausspricht, was die meisten glauben: „Heute tragen wir ODS und ODR zu Grabe“, steht auf seinem Plakat, das er mitgebracht hat – einsamer Protest gegen den Abbau hunderter Stellen. Hinter Pachtangebot soll Ex-Chef Mittrich stehen

„Man hat uns den Zipfel der Wurst hingehalten“, meint CD-Werker Torsten Steidtner im Anschluss an das Personaltreffen. „Jetzt hoffen wir auf die ganze Wurst“, macht er sich und anderen Kollegen Mut. Und doch weiß Steidtner: „Vertrauen ist nicht mehr da. Die haben ins doch nur veräppelt.“

Die Hoffnung hält sich hartnäckig. Aber auch, dass hinter dem Pachtangebot und dem erwarteten Kaufangebot der Dänen wiederum Dassows Ex-Chef und Pleitier Wilhelm F. Mittrich stecken soll. Wie es gestern hieß, solle er derzeit für die Spin-Gruppe das notwendige Kapital, auch aus privaten Quellen, beschaffen. Auch mit der Dicentia-Gruppe ist Mittrich in Verbindung. Erst in dieser Woche haben die Dänen mit der ODS-Gruppe eine Kooperation vereinbart.

Insolvenzverwalter kündigt seriösen Investor an
Ob mit oder ohne den Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Insolvenzverschleppung und Betrug ermittelt: „Das interessiert mich nicht“, meint Odebracht. Wichtig sei, den Standort zu erhalten und das Werk an den großen Investor zu verkaufen. „Der soll seriös sein“, hat Ex-Aufsichtsrat Fritz Moisel während der Belegschaftsversammlung vom Insolvenzverwalter gehört. „Doch dass sollte der ehemalige Chef Wilhelm F. Mittrich bei seinem Einstieg vor zehn Jahren auch sein“, hegt er Zweifel.

Dem hatten die Dassower auch einmal vertraut. Noch am Tag des Insolvenzantrages hatte Mittrich den 1100 Mitarbeitern große Hoffnungen gemacht. Die Jobs seien nicht gefährdet, versprach er damals: „Der Standort hat Zukunft.“ Die Übernahme der Mitarbeiter sei „garantiert“. Davon kann heute keine Rede mehr sein. In der Region geht die Angst vor tausendfacher Arbeitslosigkeit um.

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