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Schön glatt: Männer gehen wieder zum Barbier

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bärte sind nicht nur voll im Trend, sondern müssen auch gepflegt werden. Deshalb lassen sich immer mehr deutsche Männer klassisch rasieren – in Ledersitzen bei einem Glas Whisky

Erst Feuchtigkeitscreme, dann eine heiße Kompresse. Mit Rasierseife im Bart kann es schließlich losgehen: Roberto Nicolaci holt ein 25 Zentimeter langes Rasiermesser aus seiner Schürzentasche. Der gelernte Friseur-Meister eröffnete vor einem Jahr einen Barbierladen in Bonn. Wie einige seiner Kollegen reagierte er auf einen Trend der vergangenen Jahre: Barttragen ist bei deutschen Männern wieder angesagt. Deshalb gönnen sich viele eine professionelle Pflege und lassen sich klassisch rasieren – beim Barbier.

In den vergangenen Jahrzehnten verdienten sich in Deutschland meist türkischstämmige Friseure mit der Bartpflege etwas zum Kerngeschäft dazu. Die klassischen Barbiere waren da schon längst verschwunden – auch verdrängt von elektrischen Rasierapparaten. Ganz im Gegensatz zu den USA oder den südlichen europäischen Ländern wie Italien und Spanien, wo sich Männer seit vielen Generationen beim Barbier zusammenfinden.

Das wollen nun auch immer mehr Deutsche. „Der Bart erfüllt ein modisches Paradox“, sagt die Soziologin Aida Bosch von der Uni Erlangen. „Mit seiner Hilfe kann man Individualität zeigen und dennoch einem neuen Mode-Trend angehören.“

Deshalb gehen Kunden wie Ben Scholten zum Barbier. „Ich habe das ausprobiert und mich seitdem nicht mehr selbst rasiert. So sauber und glatt kriege ich es nicht hin“, sagt der 25 Jahre alte Koch. Für die normale Rasur bei „Barbiere da Roberto“ in Bonn zahlt er 13,50 Euro. Dauer: 15 Minuten. Eine 30-minütige Premium-Behandlung leistet er sich einmal monatlich, für 22 Euro. Auch in anderen Salons variieren die Preise zwischen 10 und 30 Euro.

Dafür bieten Barbiere ihren Kunden nicht nur die Behandlung, sondern auch eine Wohlfühl-Atmosphäre unter Gleichgesinnten. „Es ist alles ganz locker, man sitzt mit den anderen zusammen, trinkt ein Bierchen. Ich verbringe hier gerne mal ein paar Stunden“, erzählt Scholten.

Inmitten von antiken Ledersesseln und Marmorwaschtischen aus den 1950er-Jahren können Männer laut Barbier Nicolaci „den Playboy lesen, ohne irgendwelchen Blicken ausgesetzt zu sein“. Aus den Boxen ertönt dazu Jazz-Musik, auf der Fensterbank stehen auch Whisky- und Scotch-Flaschen zum Ausschank bereit.

Retro-Salons gibt es mittlerweile in nahezu jeder deutschen Großstadt. Der Frankfurter Hof eröffnete im vergangenen Sommer einen „Gentleman’s Barber Shop“, in Berlin arbeitet im Kosmetikgeschäft von Nicole Wheadon ein Barbier aus New York. Und in Hamburg ließ sich schon Fußballtrainer Jürgen Klopp bei Kay Meinecke in „Meinecke’s Barbershop“ in einem Werbespot den Bart rasieren.

„Ein gepflegter Bart ist wieder modern. Vor allem der Dreitagebart mit rasierten Konturen“, sagt Armin Brandt, Barbier aus München. Der langjährige Friseurtrainer machte sich vor sechs Jahren mit seinem „Brandts Barber & Shop“ am Flughafen München selbstständig. Für ihn ist der Grund für den Bart-Hype klar: „Brad Pitt mit seinem Dreitage-Bart oder der Vollbart von George Clooney sind natürlich absolute Vorbilder.“

Das freut auch die Rasiermesser-Hersteller. Die Solinger Manufaktur Böker, einer der größten Hersteller der Branche, kommt nach Angaben eines Sprechers mit der handwerklichen Fertigung der Rasiermesser kaum nach. „Durch den neuen Trend haben wir Zielgruppen gewonnen, die sich auch für unsere edlen, von Hand gefertigten Taschenmesser begeistern“, heißt es. Das billigste Exemplar kostet bei Böker 100 Euro, das edelste mit Damastklinge 700 Euro.

Den Hype zusätzlich verstärkt habe eine Szene aus dem James Bond Film „Skyfall“, in der das Bondgirl in prickelnder Atmosphäre ein Rasiermesser über die Kehle von 007 streicht. Der Film kam im Oktober 2012 in die deutschen Kinos. Die Barbiere des 21. Jahrhunderts waren da schon längst in die deutschen Städte zurückgekehrt.

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