Interview: Privatisierung des Ostens : Schmutzarbeit der Einheit erledigt

2,5 Millionen Menschen verloren durch die Privatisierungspraxis der Treuhand ihren Job – die Auswirkungen bekommen kommende Generationen noch zu spüren, meint Autor Klaus Behling

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06. November 2015, 20:02 Uhr

Wettbewerbsfähig, aber vom Westen abhängig: Die Privatisierungspraxis der Treuhand hat im Osten zu verlängerten Werkbänken geführt, erklärt Klaus Behling, Autor des Buches „Treuhand – Wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte“. Torsten Roth sprach mit ihm.

Ihre Treuhand-Bilanz – überwiegen Erfolge oder Enttäuschungen?
Behling: 1990 wählte die Mehrheit der DDR-Bürger den schnellen Beitritt zur Bundesrepublik. Das setzte die Abschaffung des „Sozialismus in den Farben der DDR“ voraus. Die Treuhand besorgte dabei den ökonomischen Teil.  Das ist ihr Erfolg, denn sie agierte auf der Grundlage einer demokratischen Willensbildung. In diesem Prozess verloren rund 2,5 Millionen Menschen aus der Industrie ihre Arbeit. Es entstand kein selbsttragender Aufschwung, nach 25 Jahren ist der Osten ökonomisch vom Westen abhängig und wird es noch lange bleiben. Das ist die Enttäuschung. Da mit der Einheit die unnatürliche Teilung Deutschlands endete, wiegt der Erfolg schwerer als die Enttäuschung.

Sie nennen die Treuhand die  undurchsichtigste Behörde, die es je gab. Was lief schief?
Die Treuhand war ein „Zwitterwesen“ aus politischem Instrument und Wirtschaftsunternehmen. Das ermöglichte es der Bundesregierung, ihre politische Verantwortung für den Transformationsprozess zu verschleiern und eine demokratische Kontrolle zu umgehen. Drastisch gesagt: Die Treuhand hat die Schmutzarbeit der Einheit gemacht.

Die Treuhand bilanzierte, dass sich die Ost-Wirtschaft  behauptet habe. Die Erfahrungen im Osten waren andere. Wer hat Recht?
Das, was heute noch da ist oder neu entstand, kann sich durchaus im Wettbewerb behaupten. Allerdings sind es oft „verlängerte Werkbänke“ West. Das „Ost-Produkt“ Lübzer Bier gehört zum dänischen Carlsberg-Konzern, das Waschpulver „Spee“ wird in Düsseldorf hergestellt. Bis auf Mineralölprodukte gibt es keine Branche, die den Verbrauch im Osten auch hier produziert. 

Die Treuhand wird auf kommende Generationen noch Einfluss haben, glauben Sie. 
Führende Wirtschaftsinstitute betrachten die „Aufholjagd“ des Ostens zum Westen als abgeschlossen. Das heißt, die Unterschiede, die jetzt bestehen, werden das Leben kommender Generationen beeinflussen. Daraus ergeben sich viele Probleme: In der Heimat bleiben oder lieber anderswo mehr Geld verdienen, eine Familie gründen, wenn die Arbeit nicht sicher ist, ein Haus bauen, wenn das Dorf ausstirbt...

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