Schluss mit ungezügelter Baulust

Karsten Schneider, Bürgermeister Binz
Karsten Schneider, Bürgermeister Binz

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11. September 2012, 08:35 Uhr

Der Schreck sitzt bei Karsten Schneider tief: Eigentlich wollte der Bürgermeister beim Rundflug über Rügens größtes Seebad Binz nur einige Fotos für neue Werbeflyer machen. Doch ein Vergleich mit älteren Aufnahmen ließ ihn stutzig werden: Flächen, die noch vor Jahren für Freiraum im Ort sorgten - alle zugebaut. "Die Grenze ist erreicht", meint der Ortschef beim Blick auf die Luftbilder. "Der ungezügelte Bau von Ferienwohnungen muss ein Ende haben."

Die Erkenntnis wächst: Noch Anfang der 90er-Jahre hatten Touristiker davor gewarnt, mit den milliardenschweren Investitionen in den Urlaubsgebieten an der Ostsee nicht die Fehler der alten Länder zu wiederholen und die Küste zuzupflastern. "Die ersten Fehler sind trotzdem gemacht worden", meint Schneider. Auf den Straßen, am Strand - "die Kapazitätsgrenze ist erreicht." Binz beginne, seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren. Investoren hätten in der Vergangenheit mit Ferienwohnungen "das schnelle Geld gemacht". Nur: "Binz hat nichts davon", meint Schneider. Neue Straßen, neue Promenade, neue Radwege: Der Ort müsse die Lasten tragen. Wenn der Ort seinen guten Ruf halten und nicht Verhältnisse wie auf Mallorca haben wolle, dürften nicht immer mehr neue Ferienwohnungen gebaut werden. Die ersten Urlauber machten um den Ort bereits einen Bogen, weil ihnen Binz zu überlaufen sei. "Der Charme von Binz droht verloren zu gehen", warnt Schneider.

Das Ostseebad reagiert: Zwar hätten die Kommunen trotz Baugesetzen und Bebauungsplänen nur "bescheidene Möglichkeiten", wirksam gegen den ungezügelten Neubau vorzugehen, meint Schneider. Oftmals setzen Bauherren per Gericht ihre Projekte durch. Selbst wenn Kommunen den Neubau einschränken wollten, hätten sie derzeit kaum Res triktionsmöglichkeiten, kritisiert auch der Chef des Tourismusverbandes, Bernd Fischer, die laschen Regelungen. Und doch probt der Bauausschuss in Binz den Aufstand: Zwei Neubauprojekte hätten die Fachleute jetzt abgelehnt, sagt Schneider.

Streit in Binz, nicht nur dort: Überall regt sich Widerstand gegen Neubauprojekte. Auf Rügen und Usedom, auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, in Tourismusorten in der Mecklenburgischen Seenplatte - immer neue Ferienwohnungen sorgen für Zoff in Urlauberorten. "In einigen Regionen haben die Ferienwohnungen überhand genommen", kritisiert Uwe Barsewitz, Chef des Hotel- und Gaststättenverbandes MV (Dehoga). Zwar gehörten Ferienwohnungen wie Hotels und Pensionen zu einem vernünftigen Übernachtungsangebot. Nur: In vielen Orten gebe es kein ausgewogenes Verhältnis mehr, meint Barsewitz - die Zahl der Ferienwohnungen habe bedenkliche Ausmaße angenommen. Nach der offiziellen Statistik zählt MV in Beherbergungsstätten mit neun und mehr Übernachtungsmöglichkeiten rund 185 000 Gästebetten - je zur Hälfte in Hotels und Pensionen sowie in Ferienwohnungen. Mittlerweile machen aber Privatunterkünfte der Branche Konkurrenz. Schätzungen zufolge werden noch einmal bis zu 90 000 Betten in Privatunterkünften und auf dem sogenannten grauen Markt angeboten.

Die Auswirkungen sind deutlich zu spüren: In den betreffenden Regionen würden Zwei- bis Drei-Sterne-Häuser und Pensionen in Schwierigkeiten geraten, "weil Vermieter von Ferienwohnungen das Klientel abschöpfen", sagt Barsewitz: Kaum Umsatz im Handel, keine Einnahmen für die Gemeindekasse, kaum Zulauf in Gaststätten: Gäste in Ferienwohnungen würden häufig ihr Essen mitbringen, kaum in Restaurants gehen und ohnehin wenig Geld in den Ferienorten lassen, meint der Dehoga-Chef: "Der Region tut das nicht gut." Die Ferienwohnungen blieben in den betreffenden Orten ohne Beschäftigungseffekt: "Da entstehen kaum neue Jobs", meint Fischer. In großen Ferienanlagen seien viele Schlafgelegenheiten entstanden, die zu den Feiertagen gut ausgelastet seien, ansonsten aber leer stünden und die Gemeinden belasteten.

In vielen Orten rächt sich jetzt das schnelle Immobiliengeschäft der Vergangenheit: In den Kommunen seien häufig nur die kurzfristigen Einnahmen aus dem Flächenverkauf gesehen worden, nicht aber die Nachteile, die sich langfristig einstellen, meint Fischer. Viele Gemeinden "machen sich keinen Kopf", sagt Barsewitz. Es sei Sache der Kommunen, den Bau von Ferienwohnungen zu regeln, hieß es im Wirtschaftsministerium.

Der Druck erreicht indes auch die Investoren der Ferienwohnungen: Das Überangebot lässt die Unterkünfte immer häufiger leer stehen. Die Privatvermittler hätten "arge Verluste", beobachtet Bürgermeister Schneider. Vor Jahren waren die Ferienwohnungen häufig noch von Ostern bis September belegt, mittlerweile sind die Privatunterkünfte häufig nur noch im Juli und August ausgelastet. Die Hotels in Mecklenburg-Vorpommern erreichten im vergangenen Jahr eine Auslastungsquote zwischen 41,9 und 44 Prozent, erklärt Tourismuschef Fischer. Ferienwohnungen waren nur zu 30 Prozent ausgelastet - seit drei Jahren mit rückläufiger Tendenz.

Landesplaner und Tourismusbranche drängen auf Veränderung: In einer Studie sollen erstmals die Auswirkungen des Ferienwohnungsbaus in touristischen Orten unter die Lupe genommen werden. "Man muss zunächst wissen, wie viele es gibt, und zweitens muss man dann genau schauen, wo noch etwas passt", meint Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). Nach der Analyse sollen Kriterien definiert werden, wie der exzessive Neubau eingeschränkt werden kann, kündigte Tourismuschef Fischer an.

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