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20. September 2017 | 11:27 Uhr

Schluss mit lustig

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Seit vier Jahren regiert ein Komiker Islands Hauptstadt. Jetzt habe er keine Lust mehr auf Politik, sagt Jón Gnarr

von
erstellt am 29.Mai.2014 | 12:23 Uhr

Ein Eisbär für den Zoo und kostenlose Handtücher: Mit absurden Wahlversprechen angelte sich der Clown Jón Gnarr 2010 den Bürgermeisterposten in Islands Hauptstadt Reykjavik. Kurz zuvor hatte er seine „Beste Partei“ gegründet. Heute lieben ihn die Isländer dafür, dass er anders ist. Bei den morgigen Kommunalwahlen tritt Gnarr trotzdem nicht wieder an. Vier Jahre seien genug, meint er – und erzählt im Gespräch mit Julia Wäschenbach, warum er aufhört.

Jetzt, wo Sie beides mal gemacht haben: Wie sehr unterscheidet sich die Arbeit eines Clowns von der eines Bürgermeisters?

Gnarr: Für mich ist es so ziemlich dasselbe. Es ist eine andere Rolle, ein anderer Charakter. Aber es ähnelt einer Produktion, bei der du eine Rolle in einer TV-Serie oder im Film spielst. Viele Leute sind um dich rum und deine Zeit ist durchorganisiert. Du hast Aufgaben wie deinen Text zu lernen und dich vorzubereiten. Am Abend vor jedem Tag bekommst du einen Ablaufplan für den nächsten Tag. So sieht mein Leben aus. Deshalb ähnelt es sich in vielen Bereichen.

Haben die vier Jahre als Bürgermeister Sie verändert?

Als ich den Job angenommen habe, haben viele das erwartet. Mich hat das auch beschäftigt. Ich hatte den Chef der Zentralbank im Kopf, einen Kerl mit Lesebrille, ganz in Grau, und ich dachte: Wenn ich vier Jahre dort bleibe: Werde ich mich in diesen Kerl verwandeln? Aber das ist nicht passiert. Ich habe nicht versucht, Erwartungen zu entsprechen, jemand anderes zu sein. Als ich im Fernsehen zu einer Sache gefragt wurde: „Was denken Sie darüber?“ habe ich gesagt: Ich weiß es nicht. Das hat sich wie eine Enttäuschung angefühlt: Ich bin dumm und habe mich in etwas hineingebracht, das mir über den Kopf wächst. Aber die Leute fanden das toll – weil es das erste Mal war, dass ein Politiker im TV zugegeben hat, dass er etwas nicht weiß.

Wollten Sie damit auch ein Stück weit provozieren?

Ich habe das nicht mit Absicht gemacht, ich war einfach ich selbst. Das Leben ist für mich wie ein Freizeitpark. Man geht durch den Eingang rein zu den Attraktionen. Man probiert einige aus, und es ist eine Zeit lang aufregend, und irgendwann sieht man den Ausgang. Zwischendrin fragt man sich: Was ist die spannendste Attraktion? Meist ist es die mit der längsten Schlange davor.

War die längste Schlange für Sie die vor dem Amt des Bürgermeisters?

Ja. Das war etwas, das ich erleben wollte. Es war wie der „Mountain of Terror“, die aufregendste Attraktion im Park damals.

Wieso hören Sie jetzt auf?Weil Sie noch ein paar andere Attraktionen sehen wollen?

Ja. Aber es ist nicht so, dass ich ein spannendes Angebot habe und deshalb aufhöre. Das hier ist der Job, den ich im Leben bei weitem am Längsten gemacht habe. Ich war vorher noch nie vier Jahre an derselben Stelle. Das ist also ein persönlicher Rekord für mich.

Was war für Sie die größte Herausforderung dabei?

Ich habe Probleme mit Zahlen. Das hatte ich immer von mir weggeschoben: Ich bin ein Künstler, Kreativer, ich habe nichts mit Zahlen am Hut! Aber jetzt war ich plötzlich für viele Zahlen verantwortlich. Ich musste sie verstehen und Leuten erklären, warum ich dieses oder jenes tue. Das hat mir Kopfschmerzen und furchtbare Meetings über Zahlen beschert. Aber mein Gehirn hat sich wohl neu verdrahtet: Ich habe es überwunden und gelernt, Zahlen zu verstehen.

Ihr Erfolg 2010 war eng an die Wirtschaftskrise in Island geknüpft. Hatte er auch etwas mit dem Humor der Isländer zu tun?

Ich habe einfach diese Lücke im Kosmos gesehen, ein Loch in der Matrix. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich der Einzige war. Niemand hat mir geglaubt. Ich habe Leute über Facebook rekrutiert, nach dem Motto: „Ich gründe eine neue politische Partei. Machst du mit?“ Es hatte wohl viel mit meiner Bekanntheit hier zu tun, mit den Umständen zu der Zeit und auch mit der Mentalität der Menschen.

Im Wahlkampf sind Sie mit absurden Versprechen angetreten - und haben zugleich versprochen, alle Versprechen wieder zu brechen. Was ist daraus geworden?

Es war nie meine Absicht, Versprechen einzuhalten. Politische Versprechen sind falsch wie Beautyprodukte oder Bonbons. Politik besteht meiner Meinung nach vor allem aus Illusion. Sie ist ein Nebenprodukt der Demokratie. Die Menschen haben das Interesse an der Demokratie verloren. Leute wählen, und nichts verändert sich. Man bereitet sich vor und liest etwas über eine Partei, aber es ist immer dasselbe. Es sind immer dieselben Leute: mittelalte Männer wie ich, mit Lesebrillen. Demokratie braucht junge Frauen, nur das will die Politik nicht. Wenn, müssen sie sich ein bisschen wie Männer benehmen. Politikerinnen sind oft sehr männlich. Wie Angela Merkel.

Haben Sie einen Rat für Ihren Nachfolger?

Ja, halt dich von der Politik fern. Nein, natürlich nicht.

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