Rostocker ist alten Griechen auf der Spur

Die Faszination Altertum hält Prof. Konrad Zimmermann fest in ihrem Bann. Der Rostocker Archäologe ist längst im Ruhestand, reist aber seit 35 Sommern an die rumänische Schwarzmeerküste. Die Ruinen der ersten griechischen Pflanzstadt haben eben noch nicht alle Geheimnisse preisgegeben – trotz 94 Jahren Grabungsgeschichte.

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29. Januar 2008, 07:09 Uhr

Rostock - Vor mehr als 2500 Jahren wurde Histria gegründet, eine altgriechische Handelsmetropole. Heute hängen Schatten der Geschichte zwischen Mauerresten und Ruinen. An der rumänischen Schwarzmeerküste – rund 50 Kilometer südlich des Donaudeltas gelegen – erzählen sie von Siedlern aus der Mutterstadt, dem Stadtstaat Milet, von Handel, Wohlstand wie Niedergang und schließlich römischer Besatzung. Prof. Konrad Zimmermann beschäftigt sich damit seit 35 Jahren. Er steht in einer Reihe von Forschern, denn seit 94 Jahren graben Archäologen auf einem 50 Hektar großen Areal nach Überresten dieser römischen Ansiedlung.

„Wir können hier graben, wo wir möchten“, sagt er. Die Siedlung ist seit 1300 Jahren verlassen. Nur eine dünne Erdschicht bedeckt die Ruinen. Ein Idealfall: Keine neuen Gebäude behindern die Arbeit. 1971 betrat Zimmermann zum ersten Mal Histria – zumindest das, was davon übrig ist.

„Erhebliche Teile waren damals schon ausgegraben“, erzählt er. Aber im Süden des bereits erforschten Teils lag noch unberührte Erde. Und hier stießen die Archäologen auf das Herz der Stadt.

Vor 15 Jahren fand Zimmermann mit seinen Kollegen auf eine Felsvertiefung mit Mauerresten – „wahrscheinlich ein Heiligtum“, sagt er. „Griechen haben Götter an Naturmalen wie diesem hier verehrt.“ Er vermutet, dass in der Vertiefung vor Jahrhunderten eine Quelle gesprudelt hat. Um sie herum formieren sich in der Folge Tempel, Hallen und Altäre. Mittlerweile sind die Ausgräber auf den nackten Fels gestoßen. „Es ist das Los eines Archäologen“, sagt Zimmermann, „wir zerstören das, was wir erforschen.“ In akribischer Kleinstarbeit rekonstruiert er nun mit seinen rumänischen Kollegen Prof. Alexandru Avram und Dr. Iulian Birzescu die Vergangenheit anhand Tausender Fundstücke.

So ist die Ausgrabung noch lange nicht beendet. „Es frisst unendlich viel Zeit“, sagt Zimmermann. Zeit, die er jetzt hat, aber die Gesundheit muss auch mitspielen. Früher hat er sich Ende Juli ins Auto gesetzt und kam erst zwei Monate später wieder. „So leicht ist das heute nicht mehr.“

Die erste Kolonie
Bürger der Polis Milet haben vor 2700 Jahren Histria als erste griechische Siedlung im Schwarzmeerraum gegründet. Von der heute türkischen Westküste fuhren die Seefahrer an die Ostküste des heutigen Rumäniens. Etwa 50 Kilometer südlich vom Donaudelta ließen sie sich nieder und begannen mit den Bewohnern des Hinterlandes Handel zu treiben – Luxusgüter gegen Nahrung.
Die hier heimischen trakischen Stämme waren keine Seefahrer und lebten nicht unmittelbar an der Küste. So konnte mit den Jahren die erste griechische Kolonie entstehen, bezeugt von mehreren schriftlichen Quellen. Beide Völker wuchsen zusammen. Befestigungswerke und eine ausgedehnte Tempelanlage bestimmten das Stadtbild. Als die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus Histria einer ihrer Provinzen angliederten, sprachen ihre Einwohner hauptsächlich griechisch. Sechs Jahrhunderte später war sie verlassen, der Hafen verlandet und das Hinterland verödet.

Blick in die Geschichte
Seit knapp einem Jahrhundert graben Archäologen nach Überresten der ersten griechischen Kolonialisten – für wenige Jahre unterbrochen vom Ersten und Zweiten Weltkrieg. Betreut wird das Projekt vom Institut für Archäologie der Rumänischen Akademie der Wissenschaften. Eingeteilt in verschiedenen Sektoren heben Archäologen schichtweise Geschichte von den Mauerresten Histrias – erst römische, dann griechische.

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