Glücksspiel : Rosa rotierende Früchte nur für Frauen

Ein erstes Casino ausschließlich für Frauen ist  in der Stromstraße in Berlin Wedding eröffnet worden.
Ein erstes Casino ausschließlich für Frauen ist in der Stromstraße in Berlin Wedding eröffnet worden.

Das Spielverhalten unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern enorm / In Berlin hat deshalb die erste Spielhalle nur für Damen eröffnet

svz.de von
28. Dezember 2013, 11:59 Uhr

Fast nirgends in Berlin gibt es so viele Automatenkasinos wie in Moabit. Dort hat nun eine Spielothek eröffnet, in der nur Frauen Zutritt haben. Die meisten zocken allerdings heimlich und nehmen deshalb gerne die Hintertür. Wer den bunten Eingang mit der Überschrift „Welcome Ladys“ passiert hat, ist erst einmal irritiert. An den Automaten links und rechts sitzen mehrere rauchende Männer. Auch die Tresenaufsicht ist männlich. „Wollen Sie ins Frauencasino?“, fragt diese. „Dann bitte den Gang weiter geradeaus.“

Die Spielothek in der Moabiter Stromstraße ist zweigeteilt. Währen sich vorne das Publikum mischt, haben hinten nur Frauen Zutritt. Auf das Klingeln an der unscheinbaren Tür öffnet Ella. Die junge Casinoangestellte führt in eine pink-violette fensterlose Glitzerstube mit glänzenden Samtsesseln und großen Grünpflanzen. Mit Strass besetzte Fächer verzieren die Wände. Seerosen-Bilder schmücken die Toilettenräume. Unter den lila gewellten Spiegeln stehen Haarspray und Handbalsam bereit. „Die Frauen sollen sich wie zu Hause fühlen“, erklärt Ella das Konzept Berlins einziger Spielhalle nur für Frauen und drückt den Knopf der Kaffeemaschine. Den Latte gibt es gratis. „Sie spielen doch auch“, erklärt die junge Bedienung den Deal. Gerne erklärt sie, wie es geht. Die Spiele mit den rosafarbenen Früchten und Glückssymbolen heißen „Lucky Ladys Charm“ oder „Sissi Empress of Austria“. Aber auch die rotierenden Bücher seien bei den Frauen sehr beliebt. „Für drei gleiche gibt es zehn Freispiele“, erläutert Ella, die ihre dunkle Mähne mit einem schwarzen Stirnband im Zaum hält.

Doch das eingeworfene Geld verringert sich zusehends. Alle zehn Sekunden sind 20 Cent weg. Immer wieder müssen neue Euro in den Schlitz geworfen werden, damit es sich weiterdreht. Bei Biggi, einer von drei Frauen mittleren Alters, die an diesem frühen Nachmittag auf den ausladenden Drehstühlen vor den Automaten Platz genommen haben, klimpert es dagegen kurz. Sie läuft zu Ella und tauscht die Münzen gegen einen Zwanzig-Euro-Schein. Beide kennen sich. „Man unterhält sich hier auch mal über Privates“, sagt die Bedienung. „Die Frauen sollen nicht nur ihren Spieltrieb ausleben, sondern sich auch entspannt austauschen können“, erklärt Gabriel Lewitanus, Betriebsleiter der Helene Spielhallen GmbH. Das Unternehmen, das in Berlin knapp 50 Vulkan-Casinos betreibt, orientiere sich dabei an den Frauenfitnessstudios. Das Spielverhalten von Männern und Frauen unterscheide sich, sagt Lewitanus. Während Männer auch mal wütend auf die Tasten donnern, hätten Frauen ihre Gefühle eher unter Kontrolle. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der weiblichen Spieler kontinuierlich angestiegen, hat er verzeichnet. Inzwischen sei das Automatenkasino kein tabuisierter Ort mehr.

Doch in der Stromstraße nehmen trotzdem viele lieber gleich den Hintereingang über den Parkplatz. „Die meisten wollen nicht, dass ihre Männer wissen, dass sie hier spielen“, erklärt Ella. Denn aus dem Freizeitvergnügen kann schnell bitterer Ernst werden. „Viele werden abhängig vom Glücksspiel und ruinieren sich und ihre Familien“, warnt der Fachverband Glücksspielsucht. Untersuchungen hätten ergeben, dass gerade Automaten, die mit Gewinnen bis 1000 Euro locken, häufiger zu Problembelastungen führten als andere Glücksspielarten.

In Berlin sind laut Senatsverwaltung für Gesundheit rund 34 000 Menschen spielsüchtig. Deshalb hat der Senat inzwischen das schärfste Spielhallengesetz in Deutschland verabschiedet. Neue Automatencasinos können nur noch eröffnet werden, wenn es im Umkreis von 500 Metern keine weiteren gibt. Eine Auflage, die auch Lewitanus davon abhält, weitere „Frauen-Casinos“ zu eröffnen. „Wir müssten dafür ja bestehende Hallen schließen und umwandeln. Das würde sich wahrscheinlich nicht lohnen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen