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20. November 2017 | 22:21 Uhr

Gauck in Leipzig : „Rede zur Demokratie“

vom

Bundespräsident Joachim Gauck hat am Donnerstag in Leipzig an die friedliche Revolution vor 25 Jahren erinnert. Wir  dokumentieren Auszüge seiner Rede: 

svz.de von
erstellt am 09.Okt.2014 | 15:54 Uhr

„Heute erinnern wir uns voller Dankbarkeit daran, dass es in der Geschichte unseres Landes, die im 20. Jahrhundert von so viel Unrecht, Verbrechen und Versagen geprägt ist, auch Widerstand, Zivilcourage und Freiheitswillen gab. (...)“  

„In kleinen und größeren Gruppen fanden sich Menschen zusammen, um gemeinsam für Veränderungen einzutreten. Wir müssen uns heute klar machen, wie riskant ihr Engagement damals war. Die DDR war ein Unrechtsstaat, es gab keine unabhängige Gerichtsbarkeit, Verwaltungsgerichte oder ein Verfassungsgericht existierten nicht, Willkür regierte das Land. (...)“

„Schließlich möchte ich noch an die Flüchtlinge und Ausreisewilligen erinnern, deren Freiheitswillen viele damals nicht zu würdigen vermochten - auch ich nicht. Ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung, nach Freiheit war größer als die Angst vor dem Verlust der Heimat, von Freunden und Verwandten. Doch wir fühlten uns damals von ihnen im Stich gelassen. (...) Erst später haben wir begriffen, welch große politische Bedeutung auch sie für die Delegitimierung der DDR besaßen. (...)“ 

„Freilich, wir wissen heute auch: Die Geschichte konnte diesen Ausgang finden, weil die Sowjetunion auf die Anwendung der Breschnew-Doktrin verzichtet hatte. Damals wussten wir dies noch nicht. Aber wir hofften es erst und erlebten es dann: Moskau schickte keine Truppen mehr, als seine Satellitenstaaten selbstbestimmte Wege gingen. Michail Gorbatschow sei Dank! (...)“ 

„Die epochale Zäsur, die im Frühjahr 1989 mit der Beseitigung von Minen und Zäunen an der ungarischen Grenze begann, fand im Fall der Berliner Mauer am 9. November ihr wichtigstes Symbol. Mit gutem Grund feiern die Berliner und ihre Gäste aus aller Welt dieses Ereignis. Ich aber habe bewusst die Präsidenten der befreundeten Länder hierher nach Leipzig eingeladen. Hier und heute sagen wir es noch einmal ganz deutlich: kein 9. November ohne den 9. Oktober. Vor der Einheit kam die Freiheit. (...)“ 

„Umso mehr freut es mich, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen die Wiedervereinigung heute positiv bewertet. (...) Wir haben also nicht nur Geschichte geschrieben in der Ausnahmesituation von 1989, wir haben auch erfolgreich Politik gestaltet in dem Vierteljahrhundert danach. Die Nation wächst zusammen. Die Einheit gelingt. (...)“  

„Wir haben uns zu fragen, ob wir genügend Anstrengungen unternehmen, um wirklich alle Demokraten zusammenzuführen, gleichgültig welcher Religion, Ethnie oder politischen Orientierung sie angehören. Nur so finden Intoleranz, nationalistische Hybris, Hass und Gewalt keinen Nährboden. Nur so wird jeder in unserem Land selbstbestimmt und ohne Angst leben können. (...)“ 

„1989 glaubten wir, mit dem Ende des Kalten Krieges stehe Europa vor einem Jahrhundert des Friedens. Viele sahen sogar das Ende der Geschichte gekommen, weil die Demokratie die Diktatur besiegt hatte. Stattdessen sind wir heute konfrontiert mit gescheiterten Staaten, mit Terrorismus, Fundamentalismus, Gewalt, Anarchie und Bürgerkrieg. Und am Rande Europas werden Normen des Völkerrechts missachtet und militärische Mittel eingesetzt, wo friedliche Koexistenz möglich wäre.

Wir haben offensichtlich neu nachzudenken, welche Mitverantwortung Deutschland angesichts dieser veränderten Lage für die “Eine Welt„ zu tragen bereit ist - gemeinsam mit seinen Freunden und Partnern. Einfach ist es nicht, das Prinzip Verantwortung nicht nur im eigenen engeren Lebensbereich zu praktizieren, sondern auch in der erweiterten europäischen und globalen Dimension. Aber war es je einfach, der Freiheit und dem Recht zum Sieg zu verhelfen?“

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