Prozessauftakt im Sternberger Dönerkrieg

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29. Januar 2008, 06:42 Uhr

Parchim - Die Szene, die sich am Abend des 9. August 2007 vor den Augen unfreiwilliger Zeuginnen abspielte, war filmreif: Ein schwarzer Mercedes, der plötzlich stoppt. Drei Männer, mit Axt und Schlagstock bewaffnet, die aussteigen und zielgerichtet auf ein rotes, parkendes Auto zulaufen. Krachen. Splitterndes Glas. Und dann ein Mann, blutüberströmt, der aus dem roten Auto flieht.
Kein TV-Krimi, sondern Realität. Der Tatort – kein Großstadt-Ghetto, sondern der Marktplatz im beschaulichen Sternberg. „Wir hatten Angst“, erinnert sich eine der Zeuginnen, die gestern zum Auftakt des Prozesses am Parchimer Amtsgericht die Szene schilderte. Sie hatte mit ihrer 22-jährigen Tochter und deren Freundin auf einer Bank gesessen, als sie die Angreifer kommen sah. Der Polizei schilderte sie später, dass einer der Täter ein T-Shirt mit der Aufschrift eines im Ort ansässigen Döner-Grills trug.

Seit gestern sitzen drei Männer aus dem Imbiss wegen gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank. Zwei von ihnen sind Brüder, alle drei sind türkische Staatsbürger, zur Sache sagen sie nichts. „Alles Lüge“, entfährt es dem ältesten von ihnen, der seit 13 Jahren in Deutschland lebt. „Wir wurden zuvor von Skinheads angegriffen. Sonst gab es nie Probleme“.

Die Vorsitzende Richterin, Renate Haller, wird noch öfter an diesem hitzigen Prozesstag die verschiedenen Beteiligten mit Nachdruck darauf hinweisen, dass hier nur reden darf, wem sie das Wort erteilt. Das durfte als erster Zeuge Peter L.*. Der 41-jährige Nebenkläger war der Mann, dem der Angriff offenbar vornehmlich galt und der blutend aus dem Auto geflohen war. Peter L., mehrfach vorbestraft, sei ein Skinhead und gehöre selbst auf die Anklagebank, hatte der ältere der angeklagten Brüder zuvor behauptet. „Ich bin kein Skinhead“, erwidert Peter L. Der breitschultrige Mann ist sichtlich aufgeregt, als er das Geschehen aus seiner Sicht schildert. Er habe mit einem Bekannten in dem roten Auto gesessen und geredet, als die Axt durch die Scheibe in den Wagen fuhr.

„Ich hatte Todesangst“, betont er. Auf seiner „Flucht“ sei er dann mehrfach von den Schlägern getroffen worden. Die Verletzungen sind aktenkundig: Prellungen, eine Platzwunde am Auge, Brüche an Hand und Fuß zum Beispiel. „Seit einem Monat kann ich ohne Krücken laufen. Die Schäden am Finger werden bleiben.“ Er räumt aber auch zum ersten Mal ein, dass es kurz vor der angeklagten Tat am gleichen Tag bereits eine Auseinandersetzung zwischen ihm, seinen Kumpels und den Angeklagten gegeben habe, der ebenfalls von der gegnerischen Seite ausgegangen sei. „Sie haben uns zu zwölft angegriffen“, hatte dagegen einer der türkischen Angeklagten behauptet. In jedem Fall scheint die Feindschaft zwischen L., seinen Kumpels und den beiden türkischen Brüdern seit Jahren anzudauern. Der türkische Imbissbesitzer berichtet unter anderem von Beleidigungen.

Die Richterin wiederum hat stapelweise Anzeigen gegen die Brüder in den Akten. „Der Streit hat ganz klar einen rechtsradikalen Hintergrund“, ist sich Verteidiger Jörg Sprenger sicher. Rechtsanwalt Peter Walter, der L. in der Nebenklage vertritt, sieht das anders. Er verweist auf vielschichtige Auseinandersetzungen. Im Laufe der Zeit haben offenbar Freunde von L. einen Dönerimbiss in unmittelbarer Nähe des türkischen Grills eröffnet. Die Konkurrenz vor der Haustür war dem friedlichen Miteinander kaum zuträglich. Dennoch – im Saal saßen Zuschauer, die aus ihrer Zugehörigkeit zur rechten Szene keinen Hehl machten: Frisch geschorene Köpfe, „Thor-Steinar“-Klamotten. Von rechts außen gab es auch aus dem Landtag indirekt Beistand: Stefan Köster (NPD) hatte sich mehrfach in Kleinen Anfragen nach den „ausländischen Straftätern“ von Sternberg erkundigt und Sorge anklingen lassen, dass diese sanfter behandelt werden als inländische Täter. Das hat sich bislang nicht bestätigt: zwei der Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Bei dem dritten sieht der Staatsanwalt keine Fluchtgefahr. Der Prozess wird im Februar fortgesetzt.

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