Praxis geschlossen - wir streiken

hinten23-48289479.jpg

von
13. September 2012, 07:25 Uhr

Berlin | Praxis zu, keine Terminvergabe – welche Protestformen wann, wo und wie angewendet werden sollen, ist noch offen. Doch die Ärzte lassen vor der nächsten Verhandlungsrunde im Honorarstreit mit den gesetzlichen Krankenkassen die Muskeln spielen. Viele der 150 000 niedergelassenen Ärzte wollen ernst machen, um mehr als die Mini-Erhöhung von 0,9 Prozent zu erreichen. Bundesweit drohen geschlossene Praxen.

Rückendeckung haben sich Ärztefunktionäre mit einer „Urabstimmung“ geholt. „Wir sind kampfbereit“ sagte der Sprecher der Allianz Deutscher Ärzteverbände, Dirk Heinrich, gestern bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Berlin. Kommt es zu keinem Einlenken der Kassen, könnte ab der nächsten Woche gestreikt werden.

Von 103 000 angeschriebenen Ärzten antworteten knapp 49 Prozent, von diesen sprachen sich 75 Prozent für Praxisschließungen aus. Ein „sensationelles Ergebnis“, lobte Organisator Heinrich die Beteiligung der Kollegen. Die gesetzlichen Krankenkassen rechneten auf die Gesamtzahl der Praxisärzte hoch und folgerten: „Nur jeder vierte Arzt und Psychotherapeut hat für einen Streik gestimmt.“ Bei Kinderärzten und Augenärzten war die Streikbereitschaft mit weniger als 50 Prozent am geringsten, bei HNO-Ärzten, Chirurgen, Urologen und Hautärzten am höchsten. Der Hausärzteverband nahm nicht direkt teil an der Umfrage, doch hätten über die Mitgliedschaft in anderen Verbänden auch zahlreiche Hausärzte für Streik gestimmt, so Heinrich.

Ob große oder geringe Streikbeteiligung – Patienten wären in jedem Fall betroffen. „Wir wollen ja niemandem wehtun“, beteuerte Heinrich. Notfall- und Schmerzpatienten würden behandelt. Der Präsident der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, stellte klar, dass die medizinische Versorgung wie gesetzlich vorgeschrieben in jedem Fall sichergestellt bleibe – stärkte den Kollegen jedoch für Protestmaßnahmen den Rücken.

Aus Sicht der Ärzte geht es um einen guten Zweck: Das geforderte Honorarplus „geht ja nicht in die Taschen der Ärzte, damit wir uns ein neues Auto kaufen können“, so Heinrich. Es müssten Kostensteigerungen aufgefangen werden, etwa durch die letzten Tarifrunden für das Praxispersonal. Ohne einen solchen Ausgleich müssten die Ärzte an Investitionen oder Mitarbeitern sparen – was zu Lasten der Patienten gehe. Die Ärzte waren mit einer Forderung von elf Prozent oder 3,2 Milliarden Euro in die Verhandlungen gestartet, jedoch überstimmt worden. Der Schlichtervorschlag von 0,9 Prozent setzte sich durch. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU) hat die Streikabsicht der Ärzte scharf kritisiert: „Ich bin maßlos enttäuscht, dass der Konflikt auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden soll.“. Es dürfe nicht sein, dass die Verhandlungspartner Krankenkassen und Ärzte ihren Streit zu Lasten unbeteiligter Dritter austragen. Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK mahnte ebenfalls: „Es ist schwer erträglich, wenn Patienten in einen Streit um höhere Einkommen hineingezogen werden.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen