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19. Oktober 2017 | 18:40 Uhr

Ohne Playback und Kameratricks

vom

svz.de von
erstellt am 23.Dez.2012 | 08:41 Uhr

Schwerin | Helmut Grosscurth hat keine Zweifel: "Zirkus wird es auch in 100 Jahren noch geben", meint er. "Nicht so wie jetzt, mit anderen Programmen zwar. Aber der Zirkus bleibt", glaubt der Präsident der Gesellschaft der Zirkusfreunde in Recklinghausen. Der Zirkus erfülle das "zutiefst menschliche Bedürfnis nach unbeschwerter Unterhaltung besser als alle andere Formen des Entertainment. Und das immer live, ohne Playback und Kameratricks." Krone, Circus Roncalli, Charles Knie, Probst: Mehr als 300 Zirkus-Unternehmen reisen durch Deutschland, vom großen Reisezirkus mit viel Personal, Material und Tieren bis zu kleinen Familienbetrieben. Es werden mehr: Immer neue Betriebe würden gegründet, beobachtet Grosscurth.

Playstation, Computer und Fernsehen zum Trotz: Die Programme scheinen anzukommen. Millionen Zuschauer zählen die Zirkusunternehmen in Deutschland jährlich. Die deutsche Zirkusszene bietet Vielfalt - vom traditionellen Zirkusprogramm über die Vorstellung im Wasserbassin bis zur reinen Artistenshow ohne Tiere. Der Zirkus "Flic Flac" setzt beispielsweise statt auf Tierdressuren und Plüsch-Atmosphäre auf ein schrill-lautes Konzept mit waghalsiger Artistik, auch schon mal zu Rammstein-Klängen. "Die Besucher kommen wieder", beobachtet Grosscurth. Gerade wegen der Fülle der Unterhaltungstechnik "steigt das Bedürfnis nach Liveunterhaltung wieder." Artisten, Clowns und Tiere: das sind die drei Elemente, aus denen sich Circusprogramme seit dem 18. Jahrhundert zusammensetzen. Lange Zeit stand die Präsentation von Tieren nicht zur Diskussion. Das hat sich geändert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das Publikum in der Bewertung von Tierhaltung und Tierlehre deutlich sensibler und kritischer geworden. Auch in der Zirkusszene ist dieses Thema stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Tierhaltung hat sich in vielen Circusunternehmen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert, heißt es bei der Gesellschaft der Circusfreunde. Einer Umfrage des Hamburger Marktforschungsinstituts Trend Research zufolge gehören für 42 Prozent der Befragten Tierdressuren zu den Höhepunkten einer Vorstellung. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelte zuvor bereits, dass 85,5 Prozent der Deutschen Tiere gern im Circus sehen. Allerdings: Wildtiere halten die Deutschen offenbar nicht mehr für zeitgemäß. 64 Prozent wollen Wildtiere im Zirkus nicht mehr sehen, ergab die GfK im Auftrag der Tierschutzorganisiation Peta. Doch das Zirkusleben ist härter geworden: Steigende Kosten, diverse Auflagen, Werbeverbote in einigen Städten und die Verlagerung der Spielplätze an die Stadtränder setzen den Unternehmen zu. Mit einem Familienzirkus "kann man nicht reich werden", meint Grosscurth. Aber die Unternehmen hätten ihr Auskommen. Dabei sind deutsche Zirkusse im europäischen Vergleich klar im Nachteil: Die Unternehmen zwischen Rügen und Bodensee müssten vollständig ohne Zuschüsse auskommen, erklärt Präsident Grosscurth. Während Frankreich und Italien einen Beschluss des europäischen Parlaments anerkennen, wonach der Zirkus ein Teil der Kultur Europas sei, und den Unternehmen Finanzhilfen gewähren, sind Beihilfen in Deutschland tabu. "Das ist Wettbewerbsverzerrung", kritisiert Grosscourth.


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