Odyssee eines Rollstuhlfahrers

Eigentlich wollte der Wittenberger Steffen Schulz nichts weiter, als seine Familie in Burghagen besuchen. Kein Problem, sollte man meinen. Doch Steffen Schulz ist Rollstuhlfahrer.

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05. Juni 2008, 09:17 Uhr

Prignitz - Auf dem Wittenberger Bahnhof kam Steffen Schulz noch unproblematisch in die Regionalbahn Richtung Perleberg. Denn von den neuen 76 Zentimeter hohen Bahnsteigen fährt der Rollstuhl über Gehrampen in den Zug. „Doch der Schaffner machte mich schon darauf aufmerksam, dass es in Perleberg Schwierigkeiten geben könnte“, erzählt Schulz. Der behinderte junge Mann wollte es trotzdem wissen, schließlich war der Besuch in Burghagen geplant, und warum soll ein Rollstuhlfahrer nicht dort hin gelangen, sagte er sich.

In Perleberg angekommen, musste er aber das Dilemma erkennen. Der Bahnsteig viel zu tief, die Gehrampe zu kurz, der Höhenunterschied damit nur auf steilem, kurzem Weg zu meistern. Dazu das Gewicht: Der Elektrorollstuhl wiegt allein 130 Kilo, Schulz bringt selbst 90 Kilo auf die Waage. „Das Bugsieren aus dem Zug auf den Bahnsteig war wirklich abenteuerlich. Und auch ohne die eindeutige Ablehnung des Schaffners war mir klar, auf gleichem Weg wieder nach oben in den Zug kommst du nicht“, beschreibt der junge Mann die Situation. Also stand fest: Schulz musste nicht nur den Weg von Perleberg nach Burghagen mit dem Rollstuhl zurück legen, sondern auch den gesamten Heimweg, Gut drei Stunden war er auf diesem unterwegs, bis er seine Wohnung in der Wittenberger Wilhelmstraße erreicht hatte. Wie kann das sein, fragt der behinderte junge Mann. „Darf ich als Rollstuhlfahrer nicht verreisen?“

Bahnsprecher: Das ist ein echtes Manko
Der „Prignitzer“ ging dieser Frage nach, erkundigte sich beim Sprecher der Deutschen Bahn AG, Burkhard Ahlert. Der räumte ein, dass Perleberg nicht als behindertengerechter Bahnhof vorgesehen ist. „Das ist ein echtes Manko“, so Ahlert, aber die Bahn könne nicht jeden Bahnhof entsprechend ausstatten. Ahlert verweist in diesem Zusammenhang auf die kostenlose Broschüre „Mobil mit Handicap“, die am Fahrkartenschalter ausliege und wichtige Informationen sowie Hinweise enthalte. Darunter auch die Telefonnummer der Mobilitätsservice-Zentrale 01805512512. „Für 14 Cent aus dem deutschen Festnetz pro Minute können sich Betroffene hier erkundigen.“
Unter dieser Telefonnummer könnte sich Schulz beispielsweise darüber informieren, wo er vom Regionalexpress in einen ICE umsteigen kann, denn in den Schnellzug kommt der Rollstuhlfahrer selbst auf dem behindertengerecht ausgebauten Wittenberger Bahnhof nur schwierig. „Die ICE sind vom Einstieg her höher, da braucht man einen speziellen, höhenverstellbaren Wagen, um in den Zug zu kommen“, erklärt der junge Mann. Solche Hublifte, wie sie fachlich korrekt heißen, sucht man auf dem Wittenberger Bahnhof vergebens. „Seit Ende 2005 ist das Personal zur Bedienung dieser Technik nicht mehr vorhanden, deshalb gibt es auch die Hublifte nicht mehr“, erklärt Ahlert.
Fernfahrten sind also mehr oder weniger an die Regionalbahnzüge gebunden, sofern Rollstuhlfahrer nicht gerade nach Perleberg wollen. Doch diese Strecke könnten sie ja eigentlich auch mit dem Bus zurücklegen. Dann aber müssen sie ihre Fahrtwünsche vorher anmelden, macht der Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Prignitz, Manfred Prause, deutlich.
Denn es gibt – und das ausschließlich für den Bereich Perleberg und Wittenberge – nur einen einzigen Bus, der rollstuhlgerecht ausgestattet ist. Den könnten Behinderte zum normalen Fahrpreis nutzen, müssten ihre Wünsche aber rechtzeitig unter der Telefonnummer 0 38 76 / 78 99 40 an die Verkehrsgesellschaft Prignitz durchgeben. Eine „grundsätzliche behindertengerechte Beförderungskette“ sei auf dem flachen Land nicht finanzierbar, beschreibt Prause das Problem des ohnehin schon sehr kostenintensiven öffentlichen Personennahverkehrs.

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