Nie wieder "Elde-Mehl"

Um 12 Uhr mittags stellt Maik Logall, Betriebsleiter der Elde-Mühlen, die Maschinen ab. Foto: Nicole Buchmann
Um 12 Uhr mittags stellt Maik Logall, Betriebsleiter der Elde-Mühlen, die Maschinen ab. Foto: Nicole Buchmann

Heute um 12 Uhr werden die Mühlen am Fischerdamm abgeschaltet. Die VK Mühlen AG lagert die Produktion zum 31. März endgültig aus. Die letzten vier Mitarbeiter beginnen in diesen Tagen mit dem Ausräumen.

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31. Januar 2008, 08:28 Uhr

Parchim - Das Wandern ist des Müllers Lust, heißt es in einem Volkslied. Die Mitarbeiter der Elde-Mühlen GmbH sind eigentlich ganz sesshaft und zum Teil 40 Jahre in dem fast 200 Jahre alten Mahlbetrieb.
Fast. Was Walter Scheurich vor zwei Jahren schon geahnt hat, ist nun Wirklichkeit. Der langjährige Geschäftsführer steht schweigend vor einem 40-Tonner aus Berlin, der seinen Tank mit Mehl auffüllt. Es ist einer der letzten von etwa zwanzig, die in den kommenden zwei Wochen die restlichen 500 Tonnen abholen. Denn ab heute Mittag stehen die Mühlen still.

Seit Dezember wird schon kein Roggenmehl mehr produziert, von der zum Januar auf acht Leute reduzierten Belegschaft sind nur noch vier geblieben. Einer von ihnen ist Maik Logall – der Betriebsleiter. Walter Scheurich hat den jungen Mann auf die Nachfolge vorbereitet, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedete.

Ein Stück Eldestadt wird Geschichte
Darauf, dass die Mühle zum 31. März endgültig geschlossen werden soll, konnte er den 27-Jährigen nicht wirklich vorbereiten. Die Flure im Verwaltungstrakt sind verwaist, die Stühle um den langen Tisch im Frühstücksraum leer. „Jetzt, wo ich mit meinem Schichtmeister hier alleine sitze, merkt man erst, was hier wirklich passiert“, sagt Maik Logall. Ein wenig stiefmütterlich behandelt fühlen sich die Kollegen, auch wenn ihnen die VK Mühlen AG neue Jobs im Konzern beziehungsweise in der Branche vermitteln will. „Die Hamburger denken in anderen Dimensionen“, meint der junge Müllermeister.

Walter Scheurich vermutet, dass freie Kapazitäten an anderen Konzernstandorten wie etwa in Berlin Grund für die Schließung sind. „Wir waren gut ausgelastet, haben 160 Tonnen Getreide pro Tag vermahlen, 41 000 waren es im Jahr.“ Doch längst sind auch der hauseigene Fuhrpark, die Buchhaltung und das Controlling ausgelagert. Im Labor herrscht gähnende Leere.

Vergangene Woche kam letztmals Getreide. Ein letztes Mal durchläuft es bis heute Mittag die insgesamt zwanzig Stationen, werden die Mühlenwalzen aus dem VEB-Kombinat in Wittenberg das Korn zu feinem Mehl zermalmen. Dann schalten Maik Logall und sein Schichtmeister die Maschinen ab. „Dass hier nie wieder produziert wird –.“ Dem Betriebsleiter fehlen die Worte. Blass sind seine Wangen, seine Worte wählt er mit Bedacht. „Die Entscheidung des Konzerns kam schon ziemlich überraschend“, sagt er. Schließlich habe man 2007 die Mühle nach internationalen Standards zertifzieren lassen – nur für die Großbäckerei Kamps am Standort Lüdersdorf, den zuletzt einzigen Kunden.

Arbeitsplätze weg – Immobilie leer
„Schlimm, dass produktive Arbeitsplätze wegfallen“, sagt Holger Geick, Wirtschaftsamtsleiter im Parchimer Rathaus. Aber es habe sich angebahnt, erinnert er an die Gespräche von vor zwei Jahren.
Damals, sagt Rolf Brack, sei die Entscheidung, die Mühle zu schließen, schon gefallen. Nur im Hinblick auf Kamps habe man den Betrieb noch aufrecht erhalten, so der Vorstandsvorsitzende der VK Mühlen AG gegenüber SVZ. Zudem habe man seinerzeit deutlich gemacht, dass die Elde-Mühlen kein Zukunftsstandort seien. Die hohen hygenischen Standards in der alten Mühle könnten auf Dauer ohne horrende Investitionen schlichtweg nicht eingehalten werden.
Was aus der dann ungenutzten Immobilie wird, wisse man noch nicht, sagte Rolf Brack. „Dazu wird es ein Gespräch mit dem Bürgermeister geben.“

„Die Mühle wird wohl im Ganzen verkauft“, glaubt Walter Scheurich. Aber ihn beschleiche ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung, wenn das dann nicht mehr genutzte Gebäude mit Brettern vor den Fenstern gesichert werden muss.
Maik Logall hat von der VK Mühlen AG ein Angebot in Köln bekommen – als Assistent in der Produktionsleitung. „Das wird schon eine Umstellung – hier Haus und Hof und dort arbeiten. Ich weiß noch nicht, wie ich das alles unter einen Hut kriege – per Funksteuerung vielleicht“, sagt er und lächelt müde. Sein Schichtmüller weiß noch nicht, wie es für ihn weiter geht. „Die hätten die Mühle laufen lassen sollen“, meint Frank Bünger, der in Hamburg und Lübeck nach einem neuen Job sucht.

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