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24. Oktober 2017 | 04:35 Uhr

"Nichts muss schlechter werden"

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erstellt am 11.Dez.2012 | 07:37 Uhr

Schwerin | Bernd Dikau ist nicht bange: Deutschland werde immer älter, das kleine mecklenburgische Lohmen auch. "Doch der demografische Wandel ist keine Katastrophe", meint der Bürgermeister aus den 841 Einwohner zählenden Ort im Landkreis Rostock: "Für unser Dorf ist er eine Chance." Und so hat Lohmen dem demografischen Wandel längst vorgegriffen: Ein Altenpflegeheim sei nach der Wende im Ort gebaut worden, eine Familienserviceagentur gegründet, die Infrastruktur hergerichtet, Kindergarten, Wohnungen auch - alles in Kooperation in der Region. Jetzt schickt sich die Gemeinde an, bei der Energieversorgung unabhängiger zu werden und eine Biogasanlage in Eigenregie zu bauen. 80 ältere Menschen zähle die Gemeinde inzwischen. Und das ist gut so, freut sich Dikau: "Das schafft Arbeitsplätze." Lediglich etwa zwei Prozent der Lohmener Einwohner seien arbeitslos.

Von der Entwicklung in Lohmen sind die meisten Gemeinden in MV noch weit entfernt. Wegzug statt Zuzug, ausgedünnte Strukturen, mangelnde Dienstleistungs- und Freizeitangebote - der demografische Wandel hinterlässt besonders in den ländlichen Regionen deutliche Spuren. Dennoch ist Professor Hennig Bombeck von der Universität Rostock überzeugt: "Vieles wird anders, nichts muss aber schlechter werden." Strategien gebe es längst, dem Wandel zu begegnen - die "Schule der Landentwicklung", ein Projekt der Universität Rostock, des Landwirtschaftsministeriums und vom medienhaus:nord, will sie in den nächsten Monaten in einer Veranstaltungsreihe aufzeigen. "Der ländliche Raum und die demografische Entwicklung, das bewegt uns und unsere Leser", begründete medienhaus:nord-Geschäftsführer Andreas Gruczek am Montagabend beim ersten Forum im Schweriner Verlagshaus das Gemeinschaftsprojekt, das von der Itzehoer Versicherung unterstützt wird.

Ende der Beschaulichkeit: MV werde den Wandel so massiv und in solch einem Tempo durchleben wie kein anderes Bundesland, prog nostizierte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). 400 000 Einwohner habe MV in den vergangenen Jahren bereits verloren. "Wir haben nordeuropäische Verhältnisse", so Backhaus. Prog nosen zufolge wird sich die Bevölkerungszahl bis 2060 halbieren und MV nur noch 1,1 Millionen Einwohner zählen - und immer ältere. Fast das gesamte Land sei betroffen. 80 Prozent der Landesfläche sei ländlicher Raum - alles außer die Städte Rostock und Schwerin. Doch das, was dem Land bevorstehe, sei keine Bedrohung, es sei eher eine Chance, neue Wege zu gehen, ohne dabei schrumpfende Räume aufzugeben, erklärte Backhaus vor etwa 50 Bürgermeistern, Unternehmern und Wissenschaftlern.

Erste Hoffnung gibt es: Wenn jungen Leuten gute Bedingungen geboten, Arbeitsplätze geschaffen werden, seien sie auch bereit, nach MV zurückzukehren, meinte Backhaus: "Die Leute haben Heimweh. Die Bindung an die Heimat ist groß."

MV bereitet sich vor: 1,4 Milliarden Euro seien in den letzten 20 Jahren an Fördermitteln in den ländlichen Raum geflossen und damit etwa 2,8 Milliarden Euro u. a. in 6000 Kilometer Straßen und Wege investiert worden. Doch der Geldsegen ist endlich: Nach den Plänen der EU sei damit zu rechnen, dass sich in der 2014 beginnenden neuen Förderperiode die Beihilfen aus Brüssel halbieren werden. Doch auch mit weniger Förderung müssen die ländlichen Regionen lebensfähig gehalten werden. Notwendig sei ein Strategiemix, so Backhaus - mit Kooperationen in der Region, angepassten Standards und Vorschriften, mit engagierten Einwohnern vor Ort, mit Investitionen in Kindertagesstätten wie in Arztpraxen. "Wir müssen uns heute um die Rückkehrer von morgen kümmern", forderte Uni-Professor Bombeck.

Die ersten Unternehmer tun es: Es müsse gelingen, die Veredelung der landwirtschaftlichen Rohstoffe in den Dörfern zu erweitern, sagte Martin Piehl, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes: "Wir brauchen andere Technologien, um Arbeitsplätze zu schaffen." Zum Beispiel in Bioenergiedörfern. Es sei mehr "Wertschöpfung von innen notwendig", erklärte Piehl und forderte ein Konzept zum Aufbau von so genannten Ankerdörfern. Für alle wird es nicht reichen: "Einige Gemeinden werden ins Gras beißen müssen", meinte Bauernchef Piehl.

Die Wirtschaft beginnt umzudenken: Die Firmen erkennen, dass sie selbst etwas tun müssen, um Fachkräfte zu bekommen, erklärte Rolf Paukstat, Präsident des Unternehmerverbandes in Westmecklenburg. Auch versuchten die Unternehmen, wieder ältere Mitarbeiter in die Firmen zurückzuholen. Sie haben keine andere Wahl: Es fehlten qualifizierte Arbeitskräfte, sagte Paukstat.

Den Medizinern geht es nicht anders: Die ärztliche Versorgung in den Dörfern im alternden Mecklenburg-Vorpommern stößt längst an Grenzen. 190 Hausarztstellen seien derzeit nicht besetzt. Mit attraktiven Rahmenbedingungen, mit guten Verdienst- und Förderangeboten versuche man junge Mediziner für MV zu gewinnen, sagte Oliver Kahl, Hauptabteilungsleiter der Kassenärztlichen Vereinigung. In der Vergangenheit seien beispielsweise 40 Hausärzten im Land Investitionskostenzuschüsse gewährt worden.

Investitionen, neue Jobs, - allein Hilfe von außen reicht nicht für neuen Schwung in den alten Dörfern. Die Idee der Großfamilie müsse aufs Dorf übertragen und die Dorfgemeinschaft neu formiert werden, meinte Backhaus. "Es geht um Gemeinschaftssinn und Teilhabe bis ins Alter."

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