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19. November 2017 | 09:56 Uhr

Nicht zum Papst geschaffen

vom

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2013 | 08:37 Uhr

Es ist ein welthistorischer Paukenschlag: Papst Benedikt XVI. hat seinen Rücktritt angekündigt. Eine Entscheidung, die es so seit 800 Jahren nicht mehr gab. Eine Entscheidung, von der alle Experten überrascht waren. Aber auch eine Entscheidung, die das katholische Kirchenoberhaupt offenbar gut vorbereitet hat: Der Besuch am Grab von Coelestin V., die Erhebung seines Sekretärs Georg Gänswein zum Erzbischof und die Berufung des Regensburger Erzbischofs Georg Ludwig Müller als Chef der Glaubenskongregation erscheinen nun in einem neuen Licht. Der Papst hat in den letzten Monaten sein Haus bestellt.

Doch mit den Worten Benedikts hat am Montag niemand gerechnet. Zu unglaublich, zu absurd erschien die Vorstellung, der deutsche Gelehrte auf dem Stuhle Petri würde so wie ein ferner Vorgänger sein Amt niederlegen. Und doch hat er es getan. Aus Motiven, die Respekt verlangen und aller Ehre Wert sind. Benedikt fühlt sich alt und schwach, will die Führung des „Schiffleins Kirche“ in jüngere Hände legen. Er fühlt sich dem Amt nicht mehr gewachsen und hat erkannt, dass ein Anderer auf dem Stuhle Petri für die Kirche möglicherweise besser wäre.

So viel Selbsterkenntnis hat man selten – in der Politik schon gar nicht. Sicher steht dem Papst aus Bayern dabei auch das Ende seines Vorgängers vor Augen: Stumm, fast schon als lebender Toter spendete Johannes Paul II. seinen letzten Segen am Fenster des Vatikan. Ein Leiden bis zum letzten Atemzug hätte der Tradition zufolge auch Benedikt gedroht – doch das passt nicht zu einem Intellektuellen, wie es der Papst aus Bayern ist.

Lieber tritt er freiwillig ab und reformiert damit die Kirche. Denn die Konsequenzen, die das Handeln Benedikts für die Zukunft des Papstamtes haben wird, sind noch gar nicht absehbar. Eine ganze Generation kannte als Papst im Prinzip nur Johannes Paul II., doch nun wird deutlich: Auch das Papstamt ist abgebbar, Neubesetzungen sind möglich. Gerade auch, wenn die Kirche in einer Krise steckt. Und davon kann in diesen Tagen durchaus die Rede sein: Missbrauch und Piusbrüder, das Wegsterben und Weglaufen der Gläubigen im Kernland Europa, die immer größeren Differenzen zwischen katholischer Lehre und der Realpolitik. Es waren schwere Aufgaben, vor denen Benedikt XVI. in den letzten Jahren stand – doch gelöst hat er sie nicht. Die katholische Weltkirche war in seiner Amtszeit eher noch skandalumrankter als unter seinem Vorgänger. Immer wieder zeigte Benedikt eklatante Führungsschwäche, sei es bei der chaotischen Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson, sei es bei der Art und Weise, in der er mit seiner Karfreitagsfürbitte oder seiner Regensburger Rede Juden und Muslime verärgerte.

Doch mit seinem Rücktritt macht Benedikt XVI. vor allem eines deutlich: Er hat verstanden, welche Entscheidung nun nötig war. Denn zum Papst geschaffen war Benedikt XVI. im Grunde genommen nicht. Vom ersten bis zum letzten Tag seines Pontifikats blieb Joseph Ratzinger ein Wissenschaftler und Gelehrter. Seine millionenfach verkauften Jesus-Bücher, seine Enzykliken werden sein Vermächtnis sein. Das Erbe eines brillanten Theologen, der für seinen Schritt alle Anerkennung und jeden Respekt der Welt verdient.

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