"Neugier war größer als die Kälte"

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19. Februar 2009, 12:12 Uhr

Der Adrenalinspiegel steigt, als das Notebook weder an noch ausgeht. Die beiden Männer, die im sibirischen Winter mit defekter Autoheizung bei minus 36 Grad in der Fahrerkabine unterwegs waren und sich vielen anderen russischen Herausforderungen stellten, sind erstmal ratlos. "Lieber wechseln wir bei minus 50 Grad einen Reifen, als uns mit der modernen Technik herumzuschlagen", sagt Andy Winter. Gemeinsam mit Ronald Prokein berichtete er kürzlich in Lübz per Dia-Video-Schau von einer Kälte-Mission: Im sibirischen Dorf Juschugej haben die beiden Rostocker den durchschnittlich kältesten Ort der Erde ermittelt. Im Testzeitraum lagen die Temperaturen zwischen 50 und 65 Grad minus. Davon erzählen die beiden Abenteurer im ganzen Land und halten Vorträge. Der in Lübz aber war für Andy Winter ein besonderer, ist die Eldestadt für ihn doch "so etwas wie Heimat", sagt er. Der gebürtige Lübzer zog zwar im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern nach Rostock, "aber ich habe immer Verbindung zu Lübz gehalten und hier die großen Ferien bei meiner Oma und meiner Tante verbracht."

Fernweh hatte er trotzdem. "Als Jugendlicher wollte ich immer zur See, um andere Länder kennenzulernen. Das war ja damals die einzige Möglichkeit, raus zu kommen." Vater und Onkel waren Seemänner, Andy Winter lernte bei der Seereederei Elektriker. "Nach der Wende habe ich erkannt: Ich muss ja gar nicht zwingend auf einem Schiff arbeiten, um andere Länder zu sehen. Ich kann ja einfach losgehen."

Das hat er getan. Zunächst ist er durch Europa getrampt, hat in Australien angeheuert, war in Südamerika und jobbte in England. Insgesamt 50 Länder hat Andy Winter besucht, meistens verließ er Rostock im Herbst und kehrte erst im Frühjahr wieder zurück. "Ich wollte die Menschen kennen lernen und ihre Mentalitäten", wie er sagt.

Seinen Reisebegleiter nach Sibirien Ronald Prokein lernte Andy Winter in der Disko kennen. Bei einem Bier an der Bar schmiedeten die beiden Abenteurer ihre Reisepläne. Gemeinsam mit den Schäferhunden von Ronald Prokein ging es vor fünf Jahren mit einem W50 auf die erste Reise nach Jakutien. "Der Kältepol hat uns gereizt", sagt Andy Winter. "Wir haben uns den Hintern abgefroren, aber man weiß, die Leute leben da auch irgendwie. Die Neugier ist einfach größer als die Kälte." Mit Wollsocken, Filzfüßlingen und russischen Schaffellstiefeln wappneten sich die beiden Männer vor der sibirischen Kälte. Heute, mit 35, ist das Fernweh etwas gelindert, sagt Andy Winter. Abgesehen von einem Besuch in Russland im Sommer, um die Messgeräte abzuholen, möchte er erstmal in Mecklenburg-Vorpommern bleiben. "Ich bin so viel weg gewesen, erstmal bin ich reisegestillt. Das hier möchte ich einfach nicht missen." Träume gibt es trotzdem noch: "So kleine verrückte Sachen, wie mit einem Holzkahn die Donau hinunter rudern."

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