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18. Dezember 2017 | 14:06 Uhr

Neuanfang mit fast nichts

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rosemarie Paukstadt muss den Mut zur Trennung mit Entbehrungen bezahlen

svz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 18:27 Uhr

Mit 70 Jahren hat Rosemarie Paukstadt noch einmal einen Neuanfang gewagt: Nach 46 Jahren Ehe trennte sie sich von ihrem Mann. Er sei nicht im körperlichen Sinne gewalttätig gewesen, erzählt die ursprünglich aus dem Brandenburgischen stammende Rentnerin, seelisch aber habe er ihr über viele Jahre hinweg sehr wehgetan. Letztes Jahr zu Weihnachten habe sie es nicht mehr ausgehalten, sei nach Luckenwalde ins nächst gelegene Frauenhaus geflohen – doch dort fehlte es an Platz. Eine langjährige Freundin aus Schwerin bot schließlich Hilfe an: Sie wollte Rosemarie Paukstadt dabei unterstützen, in ihrer Heimatstadt eine Wohnung zu finden. Das war allerdings leichter gesagt als getan: Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, auch in der Landeshauptstadt. Dazu kam, dass sowohl das Sozialamt im alten Kreis als auch das in der künftigen Heimatstadt sich alle Zeit der Welt ließen, Rosemarie Paukstadts Anträge auf Zuschüsse für den Umzug sowie für eine Erstausstattung zu bearbeiten.

Erst Ende April konnte sie ihr eigenes Reich beziehen: 45,08 Quadratmeter im vierten Stock eines Plattenbaus. „Ich kann endlich die Tür hinter mir zuschließen. Und ich habe vom Balkon einen herrlichen Blick“, schwärmt die Neu-Schwerinerin. Doch dann verschleiern wieder Tränen ihre Augen. Denn in der Wohnung fehlt es noch an so vielem. Aus dem winzigen Häuschen südlich von Berlin hatte sie nur wenig mitgenommen – die Couch und einen wackligen Sessel, einen Schrank, einige Regale, die Waschmaschine, die ihr Mann sowieso nicht bedienen konnte. Doch Bett, Kleiderschrank, Badezimmermöbel und vor allem Küchenmobiliar sind für Rosemarie Paukstadt von ihrer kleinen Rente unbezahlbar – und fehlen deshalb zum Teil bis heute. Ersparnisse hatte das Paar nicht mehr; beide hatten sich nach der Wende selbstständig gemacht, mussten aber schon vor Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Rosemarie Paukstadts Freundin Ulrike Tzschieter, die selbst nur eine Erwerbsminderungsrente bezieht, lieh ihr das Geld für einen Kühlschrank, nachdem die auf dem Balkon gelagerten Lebensmittel zu verderben drohten. Auch mit einem einfachen Reisebett und einigen Kleinmöbeln konnte Familie Tzschieter aushelfen. Fenstervorhänge schneiderte sich Rosemarie Paukstadt aus gebrauchten Bettbezügen. Und ein weiterer selbst genähter Vorhang versteckt, dass unter der Küchenspüle Schränke und Herd fehlen. Lediglich ein elektrischer Ein-Platten-Kocher gehört zur spartanischen Ausstattung.

Das wird auch noch lange so bleiben, denn Rosemarie Paukstadt stehen im Monat nur 805 Euro zur Verfügung. 262,70 Euro davon sind Grundsicherung – bis vor kurzem waren es noch knapp 14 Euro mehr, doch die Rentenerhöhung zum 1. Juli wurde sofort gegengerechnet. Die staatliche Unterstützung hätte höher ausfallen können, wenn Rosemarie Paukstadt eine billigere Wohnung gefunden hätte: 405 Euro Warm-Miete seien unangemessen, hatte ihr das Sozialamt mitgeteilt. Auch die Kaution stellte das Amt aus diesem Grund nicht – bis September nächsten Jahres stottert Rosemarie Paukstadt sie in 50-Euro-Raten beim Vermieter ab. Und „natürlich“ gab es auch kein Geld für den Umzug und die Erstausstattung. Lediglich ein neues Bett gestanden die Sozialamtsmitarbeiterinnen ihr nach einem unangemeldeten Hausbesuch zu – ansonsten hätte sie doch alles…

Der für das Bett bewilligte Betrag belief sich dann auf 80 Euro, selbst bei der Möbelbörse hätte Rosemarie Paukstadt mehr als das Doppelte hinblättern müssen – „für ein Bett, dessen Matratze aussah, als wenn darauf jemand gestorben wäre“, erzählt sie.

Immerhin sei ihr wegen ihrer 100-prozentigen Schwerbehinderung ein Mehrbedarf von 15 Prozent bei der Grundsicherung zugebilligt worden. Dass sie allerdings trotz Befreiung durch die Krankenkasse immer noch Medikamentenzuzahlungen leisten müsse und zudem ein nicht verschreibungsfähiges Medikament gegen eine Augenerkrankung braucht, das im Monat 40 Euro kostet, erkennt das Amt nicht an. „Ich hab die Wahl, nicht blind zu werden oder nicht zu essen“, erzählt die Seniorin tapfer. Aber irgendwie komme sie schon zurecht.

„Schwerin macht glücklich“ steht auf einem Beutel, den die Stadtverwaltung Rosemarie Paukstadt als Neu-Bürgerin überreicht hat. Und trotz aller Widrigkeiten sagt sie: „Das stimmt.“

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