Naturschutz kontra Existenz

Possierlich, streng geschützt – und hungrig: der Fischotter. Foto: Archiv
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Possierlich, streng geschützt – und hungrig: der Fischotter. Foto: Archiv

Darf Naturschutz so weit gehen, dass er Existenzen bedroht? Ein Beispiel aus Retzin zeigt, welche Blüten das ehrenwerte Anliegen treiben kann.

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05. November 2008, 07:16 Uhr

„Manchmal beobachte ich nachts vom Fenster meines Hauses aus die Fischotter, wie sie durch die Teiche ziehen und meine Fische fressen“, sagt Fischermeister Waldemar Bahl aus Retzin. Was für Naturschützer ein erhebender Augenblick sein könnte, wird für den Fischer immer mehr zu einem Problem. Zu einem Existenzproblem. Denn neben der Otterfamilie, die mit sechs bis acht Tieren seine Teiche befischt, laben sich nach Angaben von Bahl zehn Fischreiherbrutpaare, ein Seeadlerpärchen und ein Fischadlerpärchen an seinen Beständen.

„Ich kann ja nicht nur arbeiten und Satzfische kaufen, um die geschützten Arten zu füttern“, sagt Bahl. Aus seinen Teichen fischt er im Herbst manchmal keinen einzigen Karpfen mehr ab. „Von 900 in diesem Frühjahr besetzten Jungtieren habe ich aus einem Teich noch acht abgefischt. Satzfisch und Futter waren umsonst“, berichtet Bahl. Er bemängelt vor allem, dass es von Seiten des Naturschutzes keine Entschädigung für ihn gebe.

Bahl: Pro Tag mindestens 15 Euro Einbuße
Seine Teichanlage grenzt an die B 189. Hier wurden extra Ottertunnel gebaut, um die Tiere von der Stepenitz unter der Straße hindurch in die Teichanlage ziehen zu lassen. „Der Seeadler brütet am Rande der Teichanlage, kommt drei bis vier Mal am Tag und holt sich stets eine Forelle aus den Teichen. Das sind pro Tag fast 15 Euro, die der Adler holt, die anderen Vögel noch gar nicht berücksichtigt“, sagt Bahl.

Nun trägt sich der Fischermeister mit der Absicht, seine Teiche im kommenden Jahr nicht mehr zu fluten, sondern trocken liegen zu lassen. Dann wären die Fischgründe für Otter und Adler verschwunden, aber auch die Biotope für Lurche und Molche. „Ich weiß nicht, ob das dann im Sinne der Naturschützer ist“, sagt Bahl.

In der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises verweist man achselzuckend auf das Landesumweltamt. Hier kennt man den Fall der Fischerei Bahl. „In der Vergangenheit bekam die Fischerei Zahlungen aus dem Programm Kulturlandschaft Brandenburg (Kulab) und aus dem Vertragsnaturschutz. Das Kulab ist eingestellt und die Gelder aus dem Vertragsnaturschutz auf europäischer Ebene noch nicht ratifiziert", sagt Frauke Zelt vom Landesumweltamt. In der Vergangenheit habe man mit der Fischerei immer wieder zusammengearbeitet.

So wurden über das Landesumweltamt Ablenkfütterungen finanziert. „Das ist aber auch nicht im Sinne des Erfinders, weil man das nicht ewig durchhält und auf diesem Wege immer mehr Tiere auf den Plan ruft", so Zelt. Umstritten sei ein Vertrag über die Errichtung von Otterzäunen um die Teiche. „Herr Bahl hatte den Vertrag über die Errichtung der Elektrozäune um die Teiche bereits unterzeichnet, diese aber nie aufgestellt. Wir hätten die Kosten dafür voll übernommen", heißt es aus dem Landesumweltamt.

Waldemar Bahl bestätigt das Angebot mit Umzäunung. „Das war ja gut gedacht, lässt sich praktisch aber nicht umsetzen. Denn die Zäune sind sehr niedrig und feinmaschig und ich hätte sie ständig freischneiden müssen, damit das Gras den Strom nicht ableitet. Das wäre unheimlich viel Arbeit gewesen", so Bahl. Eine Lösung des aktuellen Problems ist also nicht in Sicht. Auch die untere Naturschutzbehörde des Landkreises, mit der Bahl lange Zeit zusammenarbeitete, kann letztlich keine anderen Aussagen treffen als das Landesumweltamt.

Am Ende liegt der Ball auf dem Feld der Europäischen Union, wo die Mittel für den Vertragsnaturschutz bewilligt werden müssen. Fischotter und Seeadler fressen sich unterdessen weiter in den Teichen der Fischerei ihren Winterspeck an.

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