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17. Dezember 2017 | 01:35 Uhr

Nahkampf in Miniatur-Wunderland

vom

svz.de von
erstellt am 22.Jan.2012 | 07:25 Uhr

Berlin | "Hafenrundfahrt" brüllt eine kräftige Frauenstimme, mit ihrer Glocke in der Hand verschafft sich "Tante Inge" zusätzlich Gehör. Klingelingeling. Aus der Theke der Fischräucherei Seeperle Wismar glänzt es golden, Makrelenfilet mit Pfeffer, Rotbarsch geräuchert und die "Ostseeschnitte", Dorschfilet mit Kornblumenblüten, türmen sich hinter der dicken Glasscheibe. Der Räucherduft hängt blau in der Luft. Doch es ist nicht der Hamburger Fischmarkt, sondern die MV-Halle auf der Grünen Woche in Berlin.

In der nüchternen Messe-Logistik heißt die Halle 5.2.b, doch umso maritimer geht es drinnen zu. Unter der Hallendecke hängt die Ostsee, blaue Stoffbahnen stellen Wellen dar, und auf den Wasserbergen schweben Mohn- und Sonnenblumen. Auch wenn die See unter der Decke klebt, unten, mitten drin, liegt das Störtebeker-Piratenschiff der Stralsunder Brauerei vor Anker, zwei Stände weiter haben die Müritzfischer mit ihrem Boot festgemacht. Der große Leuchtturm der Lübzer Brauerei schickt sein Signallicht über das Menschengetümmel, dazwischen ein paar Strandkörbe und sogar ein bisschen Sand - das Miniatur-Wunderland Mecklenburg-Vorpommern lädt die Leute auf der weltweit größten Ernährungsmesse zum Schlemmen und Trinken ein. Und die kommen in Scharen.

Um die Mittagszeit ist es an diesem Sonnabend proppenvoll, in Zeitlupe schieben sich die Menschen aneinander vorbei. Astrid Schmidt hat ihren Lieblingsstand in MV angesteuert. Bei den Müritzfischern müsse sie immer vorbei, sagt die Berlinerin, das sei Pflicht. Die Rentnerin beißt in ihre Maräne, es knuspert, sie lächelt zufrieden. "Küchenmeister" Olaf Schröder, der im gezimmerten Boot steht, hilft derweil einem jungen Mann in kurzer Lederhose. Der Bad Tölzer weiß nicht, wie er seinen Fisch von den Gräten befreit. Zielsicher setzt der Müritzfischer sein Messer an und hebt das Rückgrat aus dem Fisch. "Viele interessiert, wo unser Fisch herkommt", stellt Fischer Schröder klar und lobt die kleine Tollensemaräne.

Nebenan, vor den Honiggläsern und der roten DDR-Brause der Imkerei Schwaßmann aus Neubrandenburg, ein großes Hallo. Auf Anhieb erkennt Ortrud Oczech aus Roidin den Ritter von Raven. Der Viertorestadt-Gründer im historischen Gewand dreht gerade seine Runde und freut sich über die Besucher aus der Heimat, "aus Demmöng an de Pöng". Im Schlepptau hat die 79-Jährige ihre ganze Familie, sechs hungrige Mägen, die sich traditionell seit 15 Jahren auf der Messe "umtaun". Die Rentnerin weiß genau, was nicht fehlen darf: Grabower Küsschen. Lecker. Nur die Grützwurst aus Lübtheen fehlt dem lustigen Grüppchen in diesem Jahr. Doch denen sei die Standmiete wohl mittlerweile zu teuer, vermutet Sohn Joachim. Seine Frau Gudrun streckt ihm aufgeregt ihre Hand entgegen. "Die wasche ich nicht mehr." Gerade hat sie Ministerpräsident Erwin Sellering und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (beide SPD) die Hand geschüttelt. Die kleine Menschentraube tippelt von Stand zu Stand, kostet hier, zapft da. Dabei blockiert die ministeriale Wanderbaustelle den Weg - zum Ärger eines Besuchers: Och Mann, der nu ooch noch, berlinert der ältere Mann mit Bart und drückt sich nörgelnd an den Bodyguards vorbei.

Der Duft von Thüringer Rostbratwurst legt sich über die Touristen, die Rockmusik von der MV-Bühne übertönt die Blasmusik von den Nachbarn. Der Nordosten bespielt in diesem Jahr erstmalig keine Halle allein. Für den Transit zwischen den Regionen sorgen die Scandlines-Fähren. Deren Stand steht genau auf der Hallenmitte zwischen Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.

Die Grüne Woche ist ein Muss im Kalender vieler Mecklenburger, auch in dem der Fortgezogenen. Marlies Böckenhauer, vor einigen Jahren in die Niederlande ausgewandert, war neugierig, wie sich das Heimatland in Berlin präsentiert - und ist begeistert "Toll, welche Spezialitäten MV hier zeigt." Überrascht hat sie die Neubrandenburger Spirituosenfirma "Güldenen Tor". Sie packt sich eine Flasche ein, fürs Heimweh in der Ferne.

Während das Dicht-an-Dicht der Besucher, die sich den ganzen Tag im Schneckentempo über die Futtermeile geschleppt haben, langsam abebbt, steuern Tabea und Werner Junge in der Brandenburghalle ihr Messe-Highlight an: Am Uckerkaas-Stand kostet sich Frau Junge durch die Sorten. "Grete Würzig", "Frieda Feurig" oder "Karl Kräftig", die Berlinerin kann sich nicht entscheiden. "Der Käse ist sehr schmackhaft und wir wissen, wo er herkommt", schwärmt sie. Wichtig sei es für sie, regionale Produkte zu kaufen. Ein Trend, den auch eine jüngste Emnid-Umfrage bestätigt. Demnach achten 48 Prozent darauf, dass Lebensmittel aus einer bestimmten Region kommen. Am Ende macht "Paul Pikante" bei Junges das Rennen.

Über 50 000 Besucher strömten an diesem Sonnabend in die Hallen. In etwa das Niveau vom vergangenen Jahr, so Messesprecher Wolfgang Rogall. Dabei seien Mecklenburg und Brandenburg traditionell sehr beliebt bei den Gästen, denn sie präsentieren sich sehr individuell und landestypisch, und verbinden gekonnt Nahrungsmittel mit Erlebnis und Urlaub. "Das Trendthema Regionalität funktioniert hier sehr gut", lobt Rogall.

"Tante Inge" und ihre Crew besprechen indes die nächste Lieferung, denn die ist dringend nötig. So gut wie leer sei der Kühllaster, aus dem sie ihren frischen Fisch holen. "Wir haben eine riesengroße Resonanz gehabt. Der Freitag war sogar besser als alle Samstage sonst", erläutert Chefin Gisela Schadwinkel. Dabei seien die Menschen "dankbar zum Fisch". Auch Jüngere wagten sich an Geräuchertes. Nun muss der Sohn schnell Nachschub aus Wismar bringen, damit "Tante Inge" wieder loslegen kann. Klingelingeling.

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