Nachwuchs wird zu Goldstaub

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08. Dezember 2008, 07:10 Uhr

Gütersloh/Rostock | Mecklenburg-Vorpommern wird 2025 nach Sachsen-Anhalt das Land mit der zweitältesten Bevölkerung sein. Allein 22 Prozent der Bürger sind dann zwischen 65 und 79 Jahre alt. Das ist der höchste Anteil dieser Bevölkerungsgruppe unter alle Flächenländern. Dazu kommt, dass die Zahl der Einwohner um weitere 200 000 sinken wird. Von einst zwei Millionen Mecklenburgern und Vorpommern bleiben 35 Jahre nach der Wende noch 1,5 Millionen.

Die Ursachen sind bekannt: Allein im Jahr 2006 haben 11000 der 20- bis 25-Jährigen das Land verlassen. Dieser Exodus dauert inzwischen über Jahrzehnte. Daraus wird sich zeitversetzt ein erheblicher Mangel an geeignetem Personal für höher qualifizierte Tätigkeiten ergeben. Letztlich fehlen mit den jungen Leuten die Fachkräfte für jedwede industrielle Entwicklung. Wenn es MV nicht gelingt, ein attraktiver Wohn- und Lohnstandort zu werden, wird die Abwärtsspirale in der Bevölkerung nicht mehr aufzuhalten sein. Unschöner Nebeneffekt: Es gehen in der Regel die Mobilsten, die mit den besten Chancen am Arbeitsmarkt auch andernorts, die mit den besten Wissensvoraussetzungen, die sich in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder München bessere Chancen ausrechnen. Es wandern nach wie vor eher die hoch qualifizierten Fach- und Führungskräfte ab. Schon Ende der 90er warnten Demographen vor vorpommerschen Männerdörfern, aus denen die Frauen - und mit ihnen die Zukunft - verschwunden sind. Der letzte macht das Licht aus.

Mit den jungen Frauen gehen die künftigen Kinder. Die Anzahl von Schülern in allgemeinbildenden Schulen hat sich in den vergangenen 16 Jahren von 290 000 im Jahr 1990 auf 145 000 halbiert. Schon heute ist die Zahl aller Schulen von einst weit über nahezu 1000 auf 608 gesunken. Was mit den Schulen passiert, setzt sich in der Landes- und Kommunalverwaltung sowie in der öffentlichen Infrastruktur fort. Kreisverwaltungen und Krankenhäuser, Sporteinrichtungen und Theater sind Pro-Kopf-gerechnet überdimensioniert und zu teuer. Werden aber diese wichtigen weichen Standortfaktoren nicht vorgehalten, wird auch noch das Wohnen in MV zum Standortnachteil. Ein Teufelskreis.

Die Landesregierung muss handeln. "Das Ansteigen der Zahl der über 80-Jährigen um 114 Prozent kann auch eine Chance sein, wenn MV sich in seiner Infrastruktur, medizinischen Einrichtungen und Dienstleistungen darauf einstellt", sagt Julia Vollmer von der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh.

Die gescheiterte Kreisgebietsreform mag zwar politisch zum Spielball widerstreitender Kräfte geworden sein, aber demographisch ist sie gar nicht zu vermeiden. Eine Bevölkerung von 1,5 Millionen in 18 Kreisen und kreisfreien Städten zu verwalten, das wird sich niemand mehr leisten können. Auch die Landesregierung wird sich ändern müssen.

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