Nachtschicht im Güstrower KMG-Klinikum

Nachts, wenn die meisten Menschen schlafen, ist die Notaufnahme des Güstrower KMG-Klinikums immer in Bereitschaft, um kranken Menschen zu helfen. SVZ schob bis gestern Morgen eine „Nachtschicht“ mit, gleichzeitig Titel unserer neuen Reportage-Serie, die einmal im Monat veröffentlicht wird.

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17. Januar 2008, 11:31 Uhr

Güstrow - Mittwoch, 21.45 Uhr, Notaufnahme im KMG-Klinikum Güstrow: Schwester Kathleen Kuchenbecker (34) und Krankenpfleger Jürgen Schönegge (36) beginnen ihre Nachtschicht. Bereits um 22 Uhr öffnet sich zum ersten Mal die Tür zur Notaufnahme, die ab 22 Uhr die ganze Nacht auch die Eingangstür zum Krankenhaus ist. Ein zwölfjähriger Junge kommt mit seinem Papa herein. Er hat Beschwerden beim Wasserlassen. Er bekommt ein Medikament, das schnell wirkt. Beide können wieder nach Hause. Um 23 Uhr muss wieder ein Kind versorgt werden, das über Ohrenschmerzen klagt. Auch hier wird umgehend geholfen. Das Kind muss nicht auf Station. Auch nicht der Mann, der sich nach einem Treppensturz den Zeh verletzt hat. Die Diagnose von Dr. Melanie Brocks, die diensthabende Ärztin auf der Chirurgie ist, nach dem Röntgen lautet allerdings: Zeh gebrochen. Jürgen Schönegge gipst ihn ein.

Dem jungen Mann geht das schnell von der Hand. Im Gespräch mit ihm und seiner Kollegin merkt man sofort, wie viel Spaß ihnen die Arbeit bereitet, auch wenn sie schwer ist. Jeder Fall, jede Krankheit ist eine andere. Immer wieder muss man sich auf den Menschen, der Hilfe erwartet und sie auch so schnell wie möglich bekommt, einstellen.

Zum Krankenpfleger umgeschult
Jürgen Schönegge, ein sympathischer junger Mann und der seine kurzen schwarzen Haare leicht gegelt trägt, ist ein Seiteneinsteiger. Seine erste Lehre absolvierte er als Industrieschlosser in der Zuckerfabrik. Aber schon bei seinem Zivildienst im Krankenhaus wurden die Weichen für seine jetzige Arbeit gestellt. 1997 lernte er um, war nach drei Jahren examinierter Krankenpfleger.

Nach der Arbeit abschalten
Seit September 2001 arbeitet er in der Notaufnahme. Er ist mit Leib und Seele dabei. Allerdings: Wenn er das Klinikum verlässt, ist für ihn das Thema Arbeit und Leben retten vorbei. Jürgen Schönegge: „Ich freue mich, wenn ich helfen kann. Aber ich erlebe auch, dass all mein Einsatz und die moderne Technik nicht ausreichen, um Leben immer zu retten. Das trifft die Seele. Daher muss ich nach der Arbeit abschalten.“ Das habe bei weitem nichts mit Abgebrühtheit zu tun, aber man müsse damit professionell umgehen und nicht alles an sich herankommen lassen, hat er für sich eine Lösung gefunden.

Auch Kathleen Kuchenbecker hat nach sieben Jahren Innere und zwei Jahren Psychiatrie in der Notaufnahme ihre Herausforderung erhalten. „Die Arbeit ist sehr vielseitig, weil wir mit allen Fachrichtungen zusammenarbeiten.“

Kritik statt Dank
Aber wie das im Leben ist, wo viel gearbeitet wird, gibt es Schwierigkeiten. Oft müssen sich die Mitarbeiter der Notaufnahme Kritik zu den Wartezeiten anhören. Jürgen Schönegge: „Da müssen wir uns einiges gefallen lassen. Ein Dankeschön für die Hilfe hören wir leider selten. Aber gegen manchmal längere Wartezeiten, können wir nichts machen. Im Labor dauert die Untersuchung eine bestimmte Zeit oder gerade eben ist ein Arzt zu einem anderen Patienten gerufen worden. Außerdem so viel Arme, wie Aufgaben zu erfüllen sind, hat man oft einfach nicht.“

Beide erzählen es frei von der Leber weg, weil sich eine ruhige Nachtschicht entwickelt. Arbeit ist trotzdem genug da. Beide haben in dieser Nacht Schienen für Frakturen zu wickeln. Das geht beiden flink von der Hand, wenn es auch nicht die beliebteste Arbeit ist. Jede Nacht sind außerdem alle Geräte zu putzen und die Versorgungswagen müssen ständig mit Medikamenten aufgefüllt sein. Einmal pro Nacht, wenn er nicht gebraucht wird, wird der Defibrilator in Betrieb gesetzt.

Kuriose "medizinische Notfälle"
1.30 Uhr: Ein stark alkoholisierter junger Mann – 18 Jahre – steht mit seinem Vater, der leicht angetrunken ist, in der Aufnahme. Der Junge verlangt lallend für sich und seine Vater zur Entgiftung eingewiesen zu werden. Dr. Viola Boger wird aus der Psychiatrie gerufen. Sie unterhält sich mit beiden. Kurze Zeit später verlassen beide das Klinikum. Viola Boger: „Der junge Mann wollte hier nur eine Entschuldigungszettel für die Arbeit. Aber daraus wird nichts. Ich habe ihn auf die Warteliste zur Entgiftung gesetzt.“ Aber viele würden danach nicht kommen setzt sie hinzu. Eine Stunde später ist der Vater wieder da, bittet Kathleen Kuchenbecker ein Taxi zu rufen. auch das wird erledigt.

Kurze zeit später geht wieder die Tür auf. Jürgen Schönegge: „Das ist die erste Putzfrau.“

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