Multikünstler Carlo Cazals lebt in Parchim

Carlo Cazals  bei einem Auftritt im Schloss Frauenmark Foto: Michael-Günther Bölsche/Archiv
Carlo Cazals bei einem Auftritt im Schloss Frauenmark Foto: Michael-Günther Bölsche/Archiv

Er muss malen, er muss singen und er philosophiert: Das Parchimer Multitalent Carlo Cazals passt in keine Kategorie, prägte für sich einen eigenen Kunstbegriff. In diesem Frühling, wenn der Tenor den „Zauber romantischer Liebesmelodien“ anstimmt, feiert er seinen 60. Geburtstag. Der Parchimer Zeitung gewährte er einen der eher seltenen Vor-Ort-Termine in seinem urigen, inspirierenden Altstadthaus.

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01. Februar 2008, 06:28 Uhr

Parchim - Die schwere Holztür zum alten Stadthaus unmittelbar neben der Elde-Schleuse schiebt sich quietschend in den Flur und gibt den Blick frei auf ein Lebenswerk. Eines, das Menschen portraitiert – liebevoll, das karikiert – schonungslos. Carlo Cazals’ Bilder, die die hohen Wände nahezu ganz bedecken, unzählige Mappen mit Zeichnungen, die sich in Regalen und auf Tischen stapeln – ein Leben in Bildern eben.

Signiert sind die zum Teil mit Udo Klein. Vor dreißig Jahren heißt er noch so. Doch diesen Namen mag er nicht. Er sei Italiener – wenigstens, was die Kunst betreffe. Und die hat Carlo Cazals instrumentalisiert. Spielt auf ihr seine Leiden, seine Freuden. Komponiert mit ihr Choräle von Gedanken. „Ein Maler darf kein Philosoph sein“, sagt er und lächelt. Denn ihn, ihn halten diese Worte Picassos nicht davon ab, in der Malerei und im Gesang mit skurrilem Rationalismus (diesen Ausdruck prägte er selbst) und Selbstironie seiner Seele Raum zu geben.

Die – so scheint es – ist empfindsam. Ist in diesem breit schulterigen Mann ein sonderbarer Seismograph, der mitunter ausschlägt, wenn ihn die Stärke der Erschütterungen die Bodenhaftung verlieren lassen. So wie damals, als seine Lehrerin stirbt. Vertraute, Verehrte und Gefährtin zugleich, ist sie es, die nicht nur seine Stimme trainiert, sondern ihm einschärft, worauf es ankommt im Leben. Darauf, dass nur die Achtung vor sich selbst auch Achtung vor anderen gewährt etwa.

Carlo Cazals sagt das nicht so, und sein Blick geht in die Weite, wenn er von Gertrud Pirsch spricht. Aber man spürt, dass über den Verlust hinaus das Glück überwiegt, dieser Frau begegnet zu sein. Auf dem Klavier im Obergeschoss steht ihr Portrait. Eine Fotographie der 1905 geborenen Dramaturgin. Darunter auf dem Notenbrett liegt – flankiert von weißen Kerzen – Paolo Tostis „Vorrei morire“ – „Ich möchte sterben“.

Carlo Cazals möchte singen. Tut das in Kirchen, bei Veranstaltungen, auf Festen. Singt dort mit der Inbrunst eines an den Tönen Gestrandeten. Gospel, Country, Oper. Enrico Caruso, der wohl berühmteste Tenor in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – sein Vorbild. Das eigene Musikstudium ist der Malerei – nun, man mag kaum sagen zum Opfer gefallen – wohl aber ihretwegen in den Hintergrund getreten. Nichts, was er bereut, glaubt man ihm. Doch ohne die Musik fehlte wohl auch seinen Bildern die Expressivität.
Da nimmt es kaum Wunder, dass im Wohnzimmer inmitten von Antiquitäten und unzähligen ideellen Reichtümern acht Gitarren ihren Platz gefunden haben. Dass das ganze Haus durchdrungen ist von einem Geist, der auf der Suche ist nach innerer Ruhe.
Scheinbar wenigstens. Denn die unablässige Reflektion seiner selbst ist endlos, rastlos, gleichzeitig der ureigene Antrieb für den Schaffenden. Carlo Cazals’ Anspruch an sich und seine Arbeit ist hoch. Und er besitzt den gesunden Wahnsinn, sich Genie zu nennen. Noch zu Lebzeiten.

In der Tat ähnelt seine Biographie vielen der Alten Meister. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im ruppigen St. Pauli Hamburgs, wird er schon früh für seine künstlerischen Ambitionen belächelt. Von der Familie, von Klassenkameraden und Lehrern. Nur wenige erkennen, dass es ihm ernst ist mit der brotlosen Kunst der Malerei. Dass sie tatsächlich kaum Geld bringt, erfährt Carlo Cazals recht bald. „Ich habe mich durchs Leben gejobbt“, sagt er. Und er hat sich durchs Leben studiert, den Menschen ins Gesicht gesehen und seine Lehren daraus gezogen. Lehren, die groß machen und wahren Reichtum bringen.

Wie die Begegnung mit Gertrud Pirsch. Er hat sie bis zu ihrem Tode gepflegt und nennt das die eigentliche Schule. 60 Jahre alt wird er jetzt. Doch an diesem Vormittag scheint es, als gebe es nur die Vergangenheit. Und er redet, als käme er nach 20 einsamen Jahren auf hoher See zurück an Land. Worte, die dem Zuhörer nicht nur Ohren abverlangen, sondern auch einen wachen Verstand, um die in unglaublichen Geschichten verwobenen Untertöne herauszufiltern. Die, die er für gewöhnlich in Pinselstriche umsetzt.

Nachts, nachdem er mit Raschid, der braunweiß gefleckten Dogge, eine Runde durch die Straßen gedreht hat. Weil die Eldestadt dann menschenleer ist. Und er mit sich und der Welt allein.

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